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19.10.2011 · Bad Hindelang

Joachim Gauck hebt in Bad Hindelang hervor, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist

„Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung“

Raiffeisen-Forum · Freiheit ist für Joachim Gauck eine Herzensangelegenheit. Das war in jedem Moment seines Vortrages „Freiheit und Verantwortung“ beim Raiffeisen-Forum spürbar, zu dem rund 600 Besucher in das Kurhaus nach Bad Hindelang gekommen waren.

"Für mich ist die Freiheit das Hauptthema des Lebens", sagte der Publizist, Politiker und evangelischer Pastor, der lange Jahre die Behörde für Stasi-Unterlagen leitete und im vergangenen Jahr für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte.

Freiheit und Demokratie hätten für ihn auch deswegen eine herausragende Bedeutung, weil sie ihm so lange verwehrt geblieben sind, erklärte der Mitinitiator der kirchlichen und politischen Protestbewegungen in der DDR.

„Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung“
„Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung“Bild: gemeinde bad hindelang
An der Ostküste, wo er aufwuchs, erzählte Gauck, seien sich die Leute gar nicht bewusst gewesen, wie gut die Luft sei, die sie atmen, bis sie von Urlauber aus den Industriegebieten darauf hingewiesen worden seien.

Ebenso sieht Gauck, der lange nicht in Freiheit leben konnte, seinen Auftrag heute darin, auch den Menschen von der Freiheit zu erzählen, die sie längst als eine Selbstverständlichkeit ansehen: „Es ist ein Dienst an den Menschen, die seit der Nazi-Barbarei in Freiheit gelebt haben“, sagte Gauck.

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Gauck erzählte bewegende Geschichten aus seiner Jugend, Schicksale von Menschen, die ohne Parteibuch nicht die Berufe ergreifen durften, von denen sie geträumt hatten. Er berichtete von jenen Momenten, als die friedliche Revolution gegen das DDR-Regime begann.

„Ich hatte mich schon so an die alltägliche Feigheit gewöhnt, dass ich nicht mehr geglaubt habe, dass sich die Menschen noch einmal aufraffen“, so Gauck. „Wir sind das Volk“ sei der schönste Satz der deutschen Politikgeschichte, so Gauck. Weil er daran erinnere, dass die Deutschen, die sich während zweier Diktaturen schon so sehr an Gehorsam und Demut gewöhnt hatten, eine Revolution geschafft haben.

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Aber die erkämpften Rechte müsse man auch verteidigen. Bei seiner ersten freien und geheimen Wahl nach der Wende habe er Tränen in den Augen gehabt, erzählte Gauck. Diesen Moment werde er nie vergessen. „Ich werde immer wählen, ich kann nicht anders.“

Deswegen sei es für ihn unverstellbar, dass viele Deutsche das Recht zu freien Wahlen nicht wahrnehmen. Er habe es nicht fassen können, dass in seiner Heimat in Mecklenburg bei der vergangenen Wahl nur rund 50 Prozent an die Urnen gegangen sind. „In so vielen Teilen der Welt träumen die Menschen davon, unsere freiheitlichen Rechte zu haben“, sagte Gauck. „Und die wollen wir einfach preisgeben?“

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Die Unzufriedenheit vieler Menschen liege in einer überzogenen Erwartungshaltung begründet, die Gauck „Philosophie der Lottogewinn-Erwarter nannte. Wer aber stets auf der Suche nach dem Schlaraffenland sei, erreiche nie sein Ziel mahnte Gauck. „Wenn man denkt, das Glück ist immer da, wo ich nicht bin, kommt man nie an.“

So ginge es auch bei der Freiheit nicht um einen jugendlichen Traum von einem Leben ohne Einschränkungen. „In der Sehnsucht ist die Freiheit und die Demokratie irgendetwas Besonderes“, sagte Gauck. „Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung.“

„Es gibt Geldhäuser, die gehen mit Geld um, als seien sie ein Spielkasino. Besonders stolz sind sie, wenn sie ein Spiel entwickelt haben, das keiner versteht.“

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Artikelinfos
AutorMichael Mang
Veröffentlichung19.10.2011
Aktualisierung23.04.2013 11:47
Ort Bad Hindelang
Schlagwörterfreiheit, gauck, demokratie
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