Herr Unsinn, der Wettbewerb läuft unter dem Motto „Heimat suchen!“. Ist das als Aufforderung gedacht – sollen also die jungen Menschen beim Komponieren und Texten erforschen, was für sie Heimat bedeutet?
Philipp Unsinn: Ja, auf jeden Fall. Wobei der Begriff „Heimat“ sehr weit gefasst ist. Man kann ihn räumlich auffassen, also als den Raum oder die Räume, wo ich herkomme und wo ich jetzt lebe. Aber man kann das auch ideell verstehen.
Heimat – das sind für mich die Menschen, bei denen ich mich geborgen fühle. Oder Heimat sind meine Lieblingsbücher, meine Gedanken, mein Lebensstil. Es sind also Lieder möglich von der Allgäu-Hymne bis zum Liebeslied. Oder auch biographische Migrationsgeschichten.
Sie haben den Wettbewerb Anfang Dezember bekannt gemacht. Wie viele Einsendungen gab es bisher?
Unsinn: Eine konkrete Bewerbung liegt noch nicht vor, ich denke viele brüten noch darüber und nutzen die Zeit bis Bewerbungssschluss. Wir haben eine Reihe E-Mails bekommen, in denen Leute das Projekt befürworten und ihr Interesse bekunden.
Die Anforderungen dieses Wettbewerbs sind hoch. Die Bewerber müssen komponieren, texten und auftreten können. Kennen Sie viele junge Westallgäuer, die so kreativ sind?
Unsinn: Unser Wettbewerb soll ja gerade das abfragen. Ich denke schon, dass Potenzial in der Region vorhanden ist. Es sind ja alle Stilrichtungen angesprochen: von Volksmusik bis hin zu Hiphop. Es muss halt unplugged gespielt werden können.
In der Ausschreibung ist von verschiedenen Empfindungen die Rede, die der Begriff „Heimat“ auslösen kann. Ein verstaubtes und muffiges Image wird ebenso genannt wie Sehnsüchte und Träumen. Können Sie als Lehrer einschätzen, was sich Jugendliche unter „Heimat“ vorstellen?
Unsinn: Verbreitet ist schon das traditionelle Bild, also Heimat als der Raum, in dem ich geboren bin. Aber wir möchten mit dem Wettbewerb deutlich machen, dass jeder Mensch, der hier lebt, auch mit migrantischem Hintergrund, hier Heimat haben kann. Gerade Menschen, die umgezogen sind, setzen sich mit dem Thema Heimat intensiv auseinander.
Das sehe ich an meiner eigenen Geschichte. Da überlegt man schon, welche Rolle die alte Heimat Franken spielt und welche die neue. Das gilt sicher umso mehr bei Menschen, die von weiter her kommen, zum Beispiel aus der Türkei, Russland oder aus Asien. Die Frage nach Heimat berührt die Identität des einzelnen. Sie ist nah an der Frage: Wer bin ich?
Der Schirmherr des Projektes, Werner Specht, ist als munterer Kritiker von Anglizismen bekannt. Warum heißt es eigentlich „Songwriterwettbewerb“ – obwohl in der Ausschreibung ausdrücklich zumindest Elemente der deutschen Sprache beziehungsweise Dialekt für die Liedtexte verlangt wird?
Unsinn: Diese Frage hat auch ein E-Mail-Schreiber gestellt. Der Titel Songwriterwettbewerb hat mit der Zielgruppe zu tun. Mindestens ein Mitglied der sich bewerbenden Bands muss Schüler sein. Und unter jungen Menschen ist der Begriff Songwriter eher verbreitet als Liedermacher. Viele Jugendliche fühlen sich im Englischen zuhause. Es ist also durchaus möglich, dass Teile der Lieder in Englisch sind – oder auch in Russisch oder Türkisch.