
„Als Goldschmiedin komme ich vom Handwerk. Aber durch mein Studium kann ich nicht nur formen, sondern auch gestalten, und sehe das Konzeptionelle dahinter. Deshalb sehe ich mich auch als Künstlerin“, erklärt die Irseerin.
Diese Ambivalenz zog sich auch durch das Leben der 46-jährigen gebürtigen Niederbayerin. Zunächst ließ sie sich an der Berufsfachschule in Neugablonz zur Goldschmiedin ausbilden. Doch schon drei Jahre später studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und machte dort ihr Diplom.
Und schon während des Studiums schlug sie mit konzeptioneller Kunst einen anderen Weg ein und beteiligte sich an der Ausstellung „Kunstprojekt Johannisfriedhof“ mit zwei verschiedenen Projekten.
Einerseits mit den „Schwebenden Papiersarkophagen“ und anderseits mit dem „Reisekoffer“: Dabei formte, verformte und deformierte sie den Papierabdruck einer barocken Stuck-Fensterumrahmung: „So wie ich mich selbst ständig verändere, so verändert sich auch das Objekt“, erläutert Rauenecker.
Nach ihrem Studium verfolgte sie einerseits als freischaffende Künstlerin weiter Projekte wie Installationen im öffentlichen Raum, aber gestaltete auch Liturgiegefäße: Ihr Werk „Kelch und Hostienschale“ wurde 1997 preisgekrönt.
Ein Jahr später wurde sie vom bayerischen Kultusministerium mit dem Debütantenpreis ausgezeichnet. Aber die Liturgiegefäße ließen sie nicht mehr los. „Das war auch mein Einstieg als Silberschmiedin“, erzählt Rauenecker. Deshalb arbeitete sie nicht nur Schmuck aus Gold, sondern auch funktionsbezogenes Gerät aus Silber. 2007 erhielt sie für ein aufwendig verdrehtes Besteck auf der 15. Internationale Silbertriennale den dritten Preis.
Aber bereits zuvor führte sie der Weg wieder des Öfteren in das Allgäu, wo sie seit 2000 an der Schmuckfachschule lehrte. „Ich habe gerne mit Menschen zu tun. Deshalb fühle ich mich als Lehrerin wohl“, sagt sie noch heute. Durch Kommunikation könne sie auch an ihre interaktive Kunst anknüpfen. 2005 zog sie nach Irsee – zusammen mit ihrem Mann, dem Metallbildhauer Christian Rudolph, der in der Gemeinde die Bronzeplastik zum Abschluss der Dorferneuerung 2008 schuf.
Inzwischen liegt Raucheneckers Schwerpunkt eher auf Kleinodien. Etwa mit der Serie von „Inlays“ für kleine Schmuckkästchen oder die „Duplex“-Reihe. Dabei werden auf flachen, goldbeschichteten Silberblättchen mit Punzen (selbst gemachten Metallstiften) konkave oder konvexe Reliefs getrieben.
Für die Feinheiten arbeitet Rauchenecker mit einem ganzen Arsenal von Punzen und Hämmern der unterschiedlichsten Formen und Gewichte. Dabei geht sie auch an die Grenze der Belastbarkeit des Materials, um möglichst extreme Überdehnungen oder Überschneidungen zu erhalten.
Vor allem die gegensätzliche Symmetrie hat es der Künstlerin angetan. Während der silberne Avers der Schmuckstücke etwa mit konkavem Muster als Blickfang dient, zeigt erst der konvexe und goldene Revers das wahre Gesicht. „Üblicherweise ist die Rückseite meist negativ besetzt. Aber das will ich mit meinen Arbeiten brechen“, so Rauchenecker. Markus Frobenius