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05.01.2013 · Wangen

Bodensee-Bezirksvorsitzender Hans-Joachim Maier über Gewalt, Integration und schlechte Vorbilder aus der Bundesliga

„Wir schicken Problemfälle zum Benimm-Lehrgang“

Fußball · Mehr Erfahrung als Hans-Joachim Maier können im heimischen Fußball nur wenige bieten. Vor knapp zehn Jahren hat der 63-jährige Wangener mit Walter Bertele den Vorsitz des Bezirks Bodensee übernommen, davor war er 25 Jahre lang Obmann der Schiedsrichtergruppe Wangen und zeitweise auch Bezirks-Schiedsrichterobmann.

Fußball
Jochen Dedeleit hat sich mit ihm über die aktuelle Situation und die Probleme des heimischen Fußballs unterhalten.

Herr Maier, womit haben Sie sich über die Feiertage beschäftigt?

Hans-Joachim Maier: Es liefen etliche Gespräche, die die Vereine TSV Hege-Wasserburg und den SV Nonnenhorn betrafen. Der Trend geht hin zu Spielgemeinschaften, vor allem im Männerbereich haben die Vereine dies noch nicht so intus. In der Regel sind es Jugendmannschaften zweier Vereine, die gemeinsam auftreten. Aber das ist auch ein Generationenproblem, dem sich die Älteren noch verschließen.

Das geht wahrscheinlich nicht mehr lange...

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Maier: Der demografische Wandel steuert massiv auf uns zu. Vor allem Vereine auf dem Land müssen sich zusammentun, um bestehen zu können. Zwei, wenn nicht gar drei, wie bei der FG 2010 Wilhelmsdorf/Riedhausen/Zussdorf geschehen. Das war aber eine extrem schwierige Prozedur, bis die Rivalitäten aus der Historie hintenangestellt wurden.

Verständlich, wenn es sich um Vereine handelt, die schon Jahrzehnte ihren Platz auf der Fußball-Landkarte behaupten...

Maier: Wir wollen auch, dass jeder Verein – soweit es geht – selbstständig bleibt. Dass niemand verloren geht. Derzeit haben wir 108 Vereine im Bezirk Bodensee, und je kleiner der Verband wird, desto weniger Mittel fließen. Aber es führt eben kein Weg an Fusionen und Spielgemeinschaften vorbei.

Ich hoffe, dass wir bis in zehn Jahren nicht ein Drittel unserer Vereine verlieren. Derzeit sieht es ja wieder danach aus, dass mehr Menschen kommen als das Land verlassen. Das könnte meine Befürchtung etwas abschwächen. Aber dann sind es wieder andere Schwierigkeiten, die auf uns zukommen.

Sie denken freilich…

Maier: … an das Thema Integration, ja. Vor 30, 40 oder noch mehr Jahren haben wir beim Nicht-Erlernen der deutschen Sprache unserer neuen „Volksgruppen“ einen Riesenfehler gemacht. Wir haben nicht kommuniziert, das hat mit der Sprache des Fußballs, die ja überall gleich sein soll, nichts zu tun. Hinzu kam, dass jeder einen Verein aufmachen wollte und konnte.

Was hat das noch mit Integration zu tun? Wir müssen uns über eines im Klaren sein: In Sachen Gewalt gibt es in deutschen Vereinen weit weniger Probleme als in ausländischen, das ist mit Zahlen deutlich zu belegen. Und Gewalt, wie sie jetzt wieder in den Niederlanden zutage trat (der Tod eines Linienrichters, Anm.d.Red.), hat auf dem Sportplatz nichts zu suchen und ist zu verabscheuen.

Vor fast exakt einem Jahr sprach Schiedsrichterobmann Josef Ringer von „paradiesischen Zuständen“ in diesem Bezirk...

Maier: Das ist auch so. Im Amateurbereich kennen wir die Kandidaten, die wir ausgrenzen müssen. In der Saison 2009/10 hatten wir im Bezirk Bodensee 14 schwerwiegende Fälle, 2010/11 waren es gar 24. Da haben wir die Ordnerwesten eingeführt und die Strafen erhöht. Und zur Halbzeit dieser Saison haben wir nur acht schwerwiegende Fälle. Ich kann mir kaum vorstellen, dass wir noch auf 24 kommen. Die Zahlen des gesamten WFV zum Vergleich: von 498 ging es über 435 zu aktuellen 179. Jeder merkt, dass unsere Projekte greifen und wohin die Tendenz geht. Auf null wirst du es natürlich nie reduzieren können, dazu hat unser Spiel zu viele Emotionen. Aber dass dies immer als Alibi herhalten muss, das ist mir zu einfach.

Welche Projekte meinen Sie?

Maier: Wir schrecken nicht davor zurück, Funktionsträger wie auch Spieler der Vereine auf sogenannte Benimm-Lehrgänge nach Ruit zu schicken. Es gibt im Allgäu einen aktuellen Fall eines Vorstandes und Abteilungsleiters, den wir auf so einen Lehrgang schicken werden und der zudem 300 Euro Strafe zahlen muss.

Wenn sich Spieler weigern würden, einen derartigen Lehrgang zu besuchen, wäre ihre Spielerlaubnis ausgesetzt. Wir als WFV haben als viertgrößter Verband großen Einfluss auf den DFB. Gewisse Projekte, die Wirkung zeigen, werden übernommen. In Bayern, dem größten Landesverband, der mit sehr viel mehr Fällen zu kämpfen hat, und in großen Städten mit wieder ganz anderen Brennpunkten sieht das freilich anders aus.

Die Vorbilder sind aber auch nicht immer die besten…

Maier: Was am Samstag und Sonntag in der Bundesliga passiert, hat enorme Auswirkungen auf den Amateurbereich. Bei Fans, Spielern, Trainern und unseren Jugendlichen. Ich halte von den Trainern Klopp, Tuchel und Streich wirklich viel, aber ihre Außenwirkung ist ganz schlimm. Ihnen muss einmal bewusst werden, was für ein Bild sie da im Fernsehen abgeben. Die 14-Jährigen nehmen sich diese Spieler und Trainer zum Vorbild.

Wie steht es um die Schiedsrichter im Bezirk Bodensee?

Maier: 11 000 Spiele sind im Bezirk Bodensee in einem Spieljahr zu pfeifen – dafür haben wir in den drei Schiedsrichtergruppen 490 Unparteiische. Wir kommen kaum an die 25- bis 35-Jährigen ran. Bei unserem letzten Schiedsrichter-Neulingskurs in Ravensburg waren 90 Prozent zwischen 14 und 18 Jahren alt. 38 haben bestanden, wenn in einem Jahr noch acht dabei sind, haben wir Glück.

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Artikelinfos
Autoraz
QuelleDer Westallguer
Veröffentlichung05.01.2013
Aktualisierung16.04.2013 10:55
Ort Wangen
Schlagwörtergewalt, integration, bundesliga, interview
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