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() | 08.11.2008 00:00 Uhr

Als der Holocaust nach Stiefenhofen kommt

Drittes Reich Die im Dorf versteckte fünfjährige Gabriele Schwarz wird verraten und von den Nazis im KZ Auschwitz umgebracht

Von Benjamin Schwärzler | Stiefenhofen «Todesdatum: unbekannt. Deportationsziel: Auschwitz.» Das sind die letzten Aufzeichnungen, die über Gabriele Schwarz gemacht werden. Sie wird am 13. Februar 1943 der heilen Welt entrissen, die sie bei ihren Pflegeeltern in Stiefenhofen erleben durfte. Etwa einen Monat später stirbt sie. Umgebracht im KZ. Gabriele Schwarz wird nur fünf Jahre alt.
Als der Holocaust nach Stiefenhofen kommt

Die viel zu kurze Lebensgeschichte der Gabriele Schwarz zeigt die Fratze des Nationalsozialismuses in all ihrer Hässlichkeit. Geboren und katholisch getauft wird sie am 24. Mai 1937 in Marktoberdorf. Ihre Mutter Charlotte Eckart ist Jüdin. Wer der Vater ist, ist unklar. Einige Quellen sprechen von einem deutschen Gestapo-Mann, andere von einem Schweizer oder Liechtensteiner «Arier». Einen Monat nach der Geburt gibt sie den Säugling wegen seiner jüdischer Wurzeln in die Obhut der Bauersfamilie Aichele, die sie über deren Verwandtschaft kennt. «Sie hat in dem abgelegenen Stiefenhofen offenbar einen sicheren Ort vermutet», meint Ortsheimatpfleger Georg King.

Gabriele Schwarz wird vom damaligen Dorflehrer Johann Pletzer, einem strafversetzten Sozialisten, der sich ebenfalls sehr um das Mädchen kümmert, als «ein selten schönes, liebenswertes und begabtes Kind» beschrieben. Ihre Kindheit verläuft unbeschwert, bis sie 1939 erstmals den Pflegeeltern genommen werden soll. Dies kann glücklicherweise verhindert werden, doch die Aicheles sind fortan vorsichtiger. Die für Gabriele zugeteilten Lebensmittelmarken, die mit einem «J» für «Jüdin» gekennzeichnet sind, lösen die Pflegeeltern nicht ein, um nicht aufzufallen.

Vergeblich. Am 13. Februar 1943 dringt der Holocaust in das etwa 800 Einwohner zählende Dorf im vermeintlich so beschaulichen Westallgäu ein. Gabriele wird von der Gestapo abgeholt. Ausschlaggebend dafür war offenbar ein Hinweis des damaligen Bürgermeisters.

Rettungsversuch scheitert

Gabriele wird zunächst in einem Münchner Sammellager untergebracht. Ihr Pflegevater Josef Aichele - er wird 1952 Ehrenbürger der Gemeinde - will das Mädchen nicht kampflos aufgeben. Zusammen mit ihrem Vormund, dem Rechtsanwalt Dr. Ludwig Dreyfuß, späterer Bürgermeister von Augsburg, fährt er nach München, spricht bei höchsten Stellen vor und versucht sie aus den Klauen der Nazis zu befreien. Er dringt sogar bis zu ihr vor und kann sie durch das Schlüsselloch mit anderen Kindern spielen sehen.

Doch der verzweifelte Rettungsversuch scheitert. Die fünfjährige Gabriele wird in Auschwitz ermordet.

Nachdem Pfarrer Herbert Mader die Geschichte im Heimatbuch niederschreibt, sorgt das Gedenken - oder besser gesagt die Frage nach der Art und Weise - für Aufsehen. Eine Handvoll Männer aus Nachbargemeinden verlangt einige Jahre später eine Gedenktafel in der Kirche. Die Stiefenhofener fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt und weisen diese Forderung zurück. «Die Entscheidung dazu trifft einzig und allein die Gemeinde Stiefenhofen mit ihren Bürgern», schreibt Bürgermeister Anton Wolf 1994 in einem Leserbrief zu dem Thema, über das zahlreiche Medien berichten. Die Wogen sind mittlerweile geglättet. In der Stiefenhofener Pestkapelle erinnert ein Bildnis an Gabriele, ebenso das alljährliche Pestkapellenfest des Männerchores und zahlreiche historische Werke.

Vergessen wird Gabriele Schwarz ohnehin von niemandem, der je von ihr gehört oder über sie gelesen hat. Ein Schicksal, das erschreckt und berührt zugleich. Regisseur Leo Hiemer, dessen Mutter die kleine Gabriele selbst gekannt hatte, ergeht es nicht anders. Nach aufwendiger Recherche verfilmt er den Stoff 1983 unter dem Titel «Leni... muss fort». Der Film, ausgezeichnet mit dem Prädikat «besonders wertvoll», wird am morgigen Sonntag um 19.30 Uhr im Scheidegger Pilgerzentrum gezeigt. Zuvor findet in der Auferstehungskirche eine ökumenische Andacht (19 Uhr) anlässlich des 70. Jahrestages der Reichskristallnacht statt, in der am 9. November 1938 die Synagogen in Deutschland in Flammen aufgingen. Eingebunden in die Andacht ist das Läuten der Glocken als Gedenkläuten.

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