Herr Tawil, mit Ihrem gefühlvollen Gesang widerlegen Sie die gängige These, dass Männer nicht zu großen Gefühlen befähigt sind. Sind Kerle viel sensibler als angenommen?
Tawil: Erst über die Musik habe ich gelernt, über bestimmte Sachen richtig zu reden. Mit Annette bespreche ich heute Gefühlsdinge, die ich früher nicht besprochen hätte. Positive Gefühle haue ich nur so raus. Die meisten Männer wollen gar nicht so viel darüber sprechen, wenn es ihnen schlecht geht. Aber im Stillen weint jeder auch mal.
In der Berliner Hip-Hop-Bewegung ist es zurzeit schick, äußerst blasphemisch und brutal in den Texten zu sein.
Tawil: Man darf das alles nicht so ernst nehmen, solange sie nicht zu Gewalt aufrufen. Die Jungs übertreiben und provozieren gern. Das gehört zur Hip-Hop-Kultur einfach dazu. Auch in Heavy-Metal-Texten geht es blutrünstig zu. Der eine oder andere Rap-Text hat bei den Jugendlichen sicher das Falsche ausgelöst. Deshalb sind Eltern und Lehrer gefragt, sich zusammen mit den Kids darüber auseinanderzusetzen.
Frau Humpe, haben Sie als Popmusikerin einen direkteren Draht zur Jugend?
Humpe: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Erst einmal habe ich selbst ein Kind und bin also mit der Jugend verdrahtet. Mein Sohn ist 17, hört Rap, Cream und Bob Dylan. Er will Journalist werden. Ich finde es besser, wenn die Kinder etwas anderes machen als die Eltern.
Sie kennen Adel Tawil seit über sieben Jahren. Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit mit der Zeit verändert?
Humpe: Adel ist ja so viel unterwegs. Dadurch, dass das Live-Projekt Ich + Ich explodiert ist, mussten wir bei der aktuellen Platte die Arbeit aufteilen. Adel hat vorletztes Jahr weit über hundert Konzerte gespielt, während ich im Studio und zu Hause neue Songs vorbereitet habe.
Sie fungieren bei Ich + Ich in der Doppelfunktion als Songschreiberin und Produzentin. Sind Sie deshalb zwangsläufig der dominantere Part?
Humpe: Bei uns gibt es keinen Boss. Wenn einer von uns äußert, dass ihm etwas noch nicht so gut gefällt, dann vertraut der andere diesem Urteil. Ist etwas richtig gelungen, hört man das auch heraus. Wir selbst sind unser erstes Publikum.
Ich + Ich - das klingt nach dem Zusammenschluss zweier Individuen, die auf ihre Unabhängigkeit bedacht sind.
Humpe: Wir sind zwei Individuen. Aber wir müssen gar nicht so wahnsinnig viele Kompromisse machen.
2005 verabschiedeten Sie sich von der Bühne. Womit könnte man Annette Humpe zurücklocken?
Humpe: Meine Entscheidung ist endgültig. Ich habe wirklich großes Lampenfieber. Auch, weil ich meine eigenen Kriterien nicht erfülle. Ich fühle mich einfach nicht gut genug als Sängerin und Entertainerin. Ich bin nicht wie Lady Gaga, Beyoncé oder Tina Turner.
Und welche Prozesse spielen sich bei Adel Tawil auf der Bühne ab?
Tawil: Man kriegt etwas und gibt etwas zurück. Ich versuche immer, den Punkt zu erreichen, an dem das Publikum und ich wirklich aufeinander abgestimmt sind. Wenn das dann auch zwischen der Band und mir passiert, ist es der ultimative Kick. Dann reitet man wie ein Surfer auf dieser großen Welle.
Karten für das Konzert von Ich + Ich am Sonntag, 2. Mai (19 Uhr), in der Big Box in Kempten gibt es in den Service-Centern unserer Zeitung oder unter Telefon 01805/132132.