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() | 29.08.2005 20:30 Uhr

Von der schicken Chefsekretärin zur Medizinfrau

Christa Schaffrick-Yellowtail vermittelt mitten im Allgäu indianisches Heilwissen - Von den "Crow" als Stammesmitglied aufgenommen

Von Sibylle Mettler, Kierwang - Vom Dorf geht ein breiter Schotterweg hinauf zu einem alten Bauernhof. Holzschindeln, einfache, zweigeteilte Fenster, Kräutertöpfe vor dem Eingang. Hier lebt also eine Indianerin. Hier, im Bolsterlanger Ortsteil Kierwang, wohnt Christa Schaffrick-Yellowtail. Mit ihren langen grauen Haaren, dem Amulett, das um ihren Hals hängt und den großen Türkisen, die sie an ihrer linken Hand trägt, wirkt die 63-Jährige wie die jüngere Schwester von Winnetou. Bis sie zu schwäbeln beginnt. Wie aus der modischen deutschen Chefsekretärin einer angesehenen Bank eine indianische Medizinfrau wurde, ist so unfassbar, dass Karl Mays Romane im Vergleich dazu nüchtern wie ein Kontoauszug wirken. Ihre Geschichte beginnt damit, dass die ausgebildete Dolmetscherin auf einer Tagung mit Religionsvertretern aus aller Welt für den Stammesältesten der nordamerikanischen Crow-Indianer, Tom Yellowtail, übersetzen sollte. Sie begrüßte ihn, reichte ihm die Hand und wollte ihm sein Hotelzimmer zeigen. Er sah sie nur durchdringend an, führte sie unter einen Baum und sagte: "Das ist immer dasselbe. Wenn man die Suche aufgibt, findet man." Dann erzählte ihr der 85 Jahre alte Indianer, dass er ein Jahr lang bei seiner Morgenmeditation eine europäische Frau vor sich sah. Sie sei wichtig für sein Leben und er für ihres, sagt er. Das war vor 17 Jahren. Später schilderte er ihr, dass er zunächst keine Ahnung hatte, wie er, ein alter Mann, diese Europäerin finden sollte. Er bat Gott, ihn zu dieser Frau zu führen. Am nächsten Tag erhielt er eine Einladung zu einem dreimonatigen Aufenthalt in Europa. An dessem letzten Tag, als er die Suche schon aufgegeben hatte, traf er auf die Frau, die so lange vor seinem inneren Auge erschien: Christa Schaffrick. "Was er mir damals nicht sagte: Er erhielt in dieser Vision auch den Auftrag, diese Frau in indianischem Heilwissen auszubilden, damit sie es in Europa verbreiten kann." Die Wandlung zum Stammesmitglied der Crow-Indianer begann mit einer für sie zunächst unglaublichen Heilung. Als sich beide zum ersten Mal begegneten, litt die gebürtige Schwäbin an einer Hauterkrankung. Zwei Jahre lang wanderte die Mutter dreier Kinder von Arzt zu Arzt, ohne dass ihr Gesundheitszustand sich besserte. Tom Yellowtail behandelte sie in einer Heilungszeremonie. "Am nächsten Morgen war meine Haut zum ersten Mal nach zwei Jahren abgeschwollen", erzählt die Frau. Sie bedankte sich bei dem alten Medizinmann und sagte völlig fassungslos, er habe doch nur gebetet. "Das hätte ich wohl besser nicht sagen sollen. Er entgegnete mir nämlich: Nur so geht's. Ein Mensch kann nicht heilen. Heilung findet dann statt, wenn der Mensch begriffen hat, was die Ursache seiner Krankheit ist, die Missstände behebt und es göttliche Absicht ist, dass er wieder gesund wird", erinnert sie sich.

"Mit Indianern nichts am Hut" Die nächste Überraschung kam, als Tom Yellowtail ihr öffnete, sie solle ihre Koffer packen und mit ihm nach Montana gehen. "Ich hatte damals mit Indianern nichts am Hut", sagt die 63-Jährige in ihrem Allgäuer Wohnzimmer, wo im Herrgottswinkel unterm Holzkreuz zwei Adlerfedern ihren festen Platz haben. Sie kam nicht mit. Aber sie schrieb dem damals 85-Jährigen und wollte seine Einladung nutzen, um im Sommer Nordamerika zu bereisen. Er drängte sie vergeblich, schon an Weihnachten zu kommen. Im Januar hatte Christa Schaffrick dann einen schweren Autounfall. "An mir war alles kaputt, was nur kaputt gehen kann", erinnert sich die Frau. Sieben Wochen Krankenhaus, die Feststellung der Ärzte, dass sie ein Leben lang ein Krüppel bleiben wird, dann der Anruf des Medizinmannes, als sie zu Hause zur Tür herein humpelte. "Get organized and come home." Organisiere dich und komm heim, sagte er, erinnert sie sich zurück. Sie kam und Tom Yellowtail heilte sie. Oder vielmehr: Er zeigte ihr, wie sie sich selbst heilen kann. Manchmal mit recht drastischen Mitteln. Mit einem giftigen Skorpion, den er an ihrem Ellbogen ansetzte, einer Visionssuche, für die sie drei Tage und Nächte ohne Essen und Trinken auf einem Berg in Montana meditierte und einem ganz speziellem Bad - zwei Stunden lang in einem eiskalten Fluss. Wie übel ihr Körper damals zugerichtet war, ahnt heute niemand mehr, der die Frau mit den langen grauen Locken von ihrer großen Amethystdruse auf dem Kamin zu den großen Bergkristallen auf der Fensterbank gehen sieht. In Montana wurde sie aber nicht nur gesund. Sie verliebte sich in den "uralten Indianer", heiratete ihn und lebte mit ihm fünf Jahre lang in dem Reservat der Crow. Bis Yellowtail ihr eröffnete, dass er nächsten Winter nutzen werde, um nach Westen zu ziehen, wie er sich ausdrückte. Der 90-Jährige starb wenige Monate später überraschend an einem Herzinfarkt.

Bei Tagung mit dem Dalai Lama Seitdem gibt Christa Schaffrick-Yellowtail das, was der Medizinmann der Crow ihr beigebracht hat, in Deutschland an andere Menschen weiter. Sie hält Seminare über die Heilkraft der Steine, über die verdeckte Botschaft von Träumen und berät Klienten in Kierwang mit indianischen Heilweisen. Ganz nebenbei erzählt sie noch von einer Tagung, die ihr verstorbener Mann mit seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, dem religiösen Oberhaupt der Tibeter, geleitet hat - lange bevor es die Medizinfrau durch eine Bekannte nach Kierwang verschlug. Auf dieser Tagung habe der Dalai Lama gesagt: Früher sei das spirituelle Zentrum der Welt in Tibet gelegen. Mit der Besatzung durch China und andere globale Wechsel habe sich dieses Zentrum verlagert. Nach Süddeutschland. Ganz speziell ins Allgäu und in die Schweiz.



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