Diejenigen, die es in die Selbsthilfegruppe für pathologische Glücksspieler der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle des Caritasverbandes in Kempten geschafft haben, sind über den Punkt des Leugnens hinaus. Sie haben sich ihre Sucht eingestanden, wollen dagegen ankämpfen. Allerdings ist der Weg zur Selbsthilfegruppe nur der erste Schritt, wie Beratungsstellenleiter Peter Ziegler erklärt: «Wir zeigen den Suchtkranken dann zusätzlich verschiedene Therapiemöglichkeiten auf, um ihre Krankheit dauerhaft in den Griff zu kriegen.»
Wie man vom Gelegenheitsspieler zum zwanghaften Spieler wird, lässt sich nicht genau sagen. Oft spielt aber laut Betroffenen die Flucht aus der Realität eine gewisse Rolle. «Sucht ist die Suche nach Glück, weg von allen Problemen», erklärt Oliver, seit 15 Jahren spielsüchtig (Name von der Redaktion geändert).
Man strebe nach Glück und einer gewissen Befriedigung. «Wenn du vor dem Automaten sitzt, kannst du die Realität solange ausblenden, bis du alles verloren hast und dein mühsam errichtetes Kartenhaus aus Ausreden und Lügen in sich zusammenfällt.»
Ein Kartenhaus aus Lügen
Und schauspielerisches Talent ist nötig, um seine Mitmenschen, Freunde und Familie über einen langen Zeitraum immer wieder zu täuschen. «Das ging bei mir plötzlich ganz leicht. Dir fallen Geschichten ein, warum du schon wieder zu spät zur Arbeit kommst, oder warum dein Onkel dir noch mal unbedingt 1000 Euro leihen muss», so Oliver.
Allerdings nehmen Spielsüchtige das Geld nicht, um die längst überfällige Miete zu bezahlen. Sie laufen damit direkt zum nächsten Spielsalon. «Man weiß eigentlich, dass man nichts gewinnt. Der Kopf freut sich sogar, dass man Geld zum ,Verspielen bekommen hat», gesteht Oliver. Da könne es dann durchaus vorkommen, dass man an einem Tag mehrere Tausend Euro einfach verzocke. Die so angehäuften Schulden könnten Summen von mehreren Hunderttausend Euro erreichen. Gemeinsam kämpfen die Spielsüchtigen deshalb gegen ihre Krankheit, sind füreinander da - obwohl den Alltag jeder allein meistern muss.
So wie Oliver, der in seinen 15 Jahren als Süchtiger schon rückfällig geworden ist. «Man braucht auch nach der Therapie sehr viel Geduld, denn Schulden bauen sich nun mal nur langsam ab. Genauso wie das Vertrauen deiner Mitmenschen zu dir auch erst im Laufe der Zeit wieder wächst.» Deshalb sei es gut, jemanden zum Reden zu haben, dem es genauso ginge.
Seit zwei Jahren bietet die Selbsthilfegruppe in Kempten kostenlose und anonyme Beratung an. Mittlerweile hat der harte Kern sogar eine eigene Internetseite ins Leben gerufen. «Wir wollen wieder Verantwortung übernehmen und haben uns auch Ziele gesteckt», so Oliver. Die Sonntagstreffen sehen die Spielsüchtigen als Etappen an, die es spielfrei zu erreichen gilt. «Wir tun alles, um den Teufelskreis, in dem wir stecken, zu durchbrechen. Spielen soll nie wieder unser Leben bestimmen!»
Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden Sonntag, 18 bis 20 Uhr in der Linggstraße 4 in Kempten (3. Stock).
www.shg-kempten.de