450 Motorradfahrer bei Korso zur Unfallstelle in Markt Rettenbach
Trauerflor, der im Fahrtwind weht
Die Staatsstraße 2013 schlängelt sich kurvenreich durch das sanfte Hügelland zwischen Markt Rettenbach und Ottobeuren (Unterallgäu). Es geht auf und ab, vorbei an kleinen Ortschaften und grünen Wiesen.
Idylle, die ein Kreuz am Straßenrand in einer steilen Kurve trübt. Auf dem daran angebrachten Foto lächelt Josef D. den Betrachter an. Der Motorradfahrer ließ am Palmsonntag, vor drei Wochen, nach einem Ölanschlag an dieser Stelle sein Leben.
Nun, an diesem Samstag, haben schon viele sein Lächeln gesehen: Betroffene, Bekannte, Freunde, Familie. Sie haben sich auf der Wiese oberhalb der Gedenkstelle versammelt und warten auf den Trauerkorso von Motorradfreunden.
«Da kommen sie», ruft ein kleiner Junge. Die ersten Motorräder sind zu sehen. In gedrosseltem Tempo nähern sie sich der Unglücksstelle. Die Helme wenden sich dem Kreuz am Straßenrand zu. Mancher hebt die Hand zum Gruß. Als die Ersten vorbei sind, ist das Ende des Korsos nicht absehbar. Schwarzer Trauerflor weht im Fahrtwind.
Minutenlang folgt Maschine auf Maschine. Nach einer Motorradsegnung sind sie im 51 Kilometer entfernten Untermeitingen im Landkreis Augsburg aufgebrochen. Die Kennzeichen zeugen davon, dass die Solidarität nicht nur aus der näheren Region kommt.
M für München, DGF für Dingolfing-Landau, RO für Rosenheim, AIC für Aichach-Friedberg, FFB für Fürstenfeldbruck, A für Augsburg und so viele andere - auch Schweizer - sind dabei. Rund 450 Motorradfahrer, Männer und Frauen, ehren in Josef D. einen von ihnen.
Jens Heeren, Präsident der Untermeitinger Motorradfreunde, hat den Korso organisiert. Per Mail hat er Vereine und Einzelfahrer eingeladen, mit enormer Resonanz.
Stefan Jauer aus Schwabmünchen erklärt seine Motivation: «Ich bin gekommen, damit der Täter merkt, dass er eine Gruppe getroffen hat und nicht einen Einzelnen, und ich möchte für die Witwe spenden.» Um ein Zeichen zu setzen, ist Thomas Planer aus Landsberg gekommen: «Was da gemacht wurde, ist menschenverachtend. Ich möchte meine Anteilnahme zeigen.»
Die Polizei, die den Korso die ganze Strecke begleitet hat, sperrt die Straße für eine halbe Stunde komplett, damit die Motorradfahrer sich an der Unglücksstelle versammeln können. Heeren ruft zum Gedenken auf. «Ich möchte Euch bitten, eine Minute still zu verharren und an Sepp zu denken, wie er von seinen Freunden genannt wird.»
Nicht viele Worte
Joachim Hög war so ein Freund des Unglücksopfers, seit dem Kindergarten. Als Vorsitzender des MC Unterallgäu, zu dem auch Josef D. gehörte, beginnt er: «Geteiltes Leid», aber die Stimme versagt ihm. «Danke», sagt er dann, «dass Ihr gekommen seid. Ich wünsche Euch allen eine unfallfreie Bikersaison 2011. Danke.» Die Motorradfahrer machen nicht viele Worte.
Sie lassen Helme herumgehen, um für die Frau und die beiden Kinder von Josef D. zu sammeln. Gut 3000 Euro kommen zusammen. Viele Biker treten vor das Kreuz, betrachten das Foto und die «Kutte» daneben, die Motorradfahrer-Weste mit dem Aufdruck «Unterallgäuer M 1980 C». Ein Kerl in voller Montur zündet eine Kerze an und stellt sie dazu.
Eberhard Bethke, Leiter der Polizeiinspektion Memmingen, führt den Einsatz der Beamten. «Ich finde die Solidarität unter den Motorradfahrern beeindruckend», sagt er. Eine solche Trauerfahrt gebe es ganz selten. «Es ging ums Gedenken, nicht irgendwie um Rache.»
Joachim Hög kehrt, wie die anderen, langsam zurück zu seinem Motorrad. «Es hilft schon, dass so viele da waren. Es zeigt, dass man in schwierigen Zeiten zusammensteht.» Was den Täter angehe, sei er froh, wenn er gefasst sei.
«Für mich ist der Sepp umgebracht worden. Ich kann das alles noch gar nicht glauben.» Vor zwei Tagen, erzählt er, sei er Vater geworden. «Meine Tochter hätte ich dem Sepp gerne vorgestellt.» Joachim Hög steigt auf seine Yamaha FZ 1 und fährt los, irgendwohin, wo er allein sein kann.
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