Herr Endres, was fühlen Sie, wenn Sie hier aus dem Fenster schauen?
Endres: Das Allgäu wird immer meine Heimat bleiben, auch wenn ich selten hier bin. Es ist ein sehr schönes Gefühl, an altvertraute Plätze zurückzukehren.
Die Musik hat Sie an viele Orte geführt, zuletzt nach Berlin. Vor kurzem trafen Sie die Entscheidung, nach Neuseeland zu gehen. Sind Sie ein Wandervogel, der es nirgends lange aushält?
Endres: Das kann man nicht sagen. Was meine Frau (eine Neuseeländerin, Anm. d. Red.) und ich aber festgestellt haben: Uns liegt das Leben in einem angelsächsisch geprägten Land mehr.
Was heißt das konkret?
Endres: Ein Beispiel: In Berlin kauften wir uns ein Haus, das unter Denkmalschutz stand. Welche bürokratischen Hürden wir rund um die Renovierung des Hauses überspringen mussten, ist einfach unglaublich. Alleine was wir mit den Handwerkern erlebt haben, war für mich grässlich. In Neuseeland läuft es unbürokratischer ab. Da habe ich den Kopf frei für Dinge, die mir wirklich wichtig sind.
Zum Beispiel für die Musik?
Endres: Natürlich für die Musik. Meine letzte Professoren-Stelle an der Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin war toll dotiert, und diese Schule ist ganz einfach grandios. Aber andererseits war die Arbeitslast dort sehr hoch. Wenn ich Konzerte gegeben habe, wurde das nicht angerechnet auf die Arbeitszeit. Ich finde es aber äußerst wichtig, auch auf der Bühne zu stehen und zu zeigen, dass man die Dinge, die man Studenten vermittelt, selbst beherrscht. Ich möchte nicht nur unterrichten.
Sind die Voraussetzungen für diese zweigeteilte Tätigkeit in Neuseeland besser?
Endres: In jedem Fall. Dort kann ich eher das machen, was mich wirklich interessiert und mehr auswählen.
Was ist für Sie besonders interessant?
Endres: Zyklische Aufführungen zum Beispiel. Das heißt: Ein Klavierabend mit allen Schubert-Sonaten oder allen Sonaten von Mozart. In diesem Rahmen ist es möglich, Entwicklungen, Veränderungen und Denkweisen eines Komponisten aufzuzeigen. Diese Art der Programmgestaltung hat mich schon immer fasziniert.
War früher aber nicht unbedingt an der Tagesordnung.
Endres: Ich habe schon als Student 1987 diesen Weg eingeschlagen und hatte damals kaum Mitstreiter. Nur Alfred Brendel machte das auch so und spielte schon mal an einem Abend einen Schubert-Zyklus.
Gibt es Abschnitte in Ihrer Karriere, die Ihnen besonders wichtig sind?
Endres: Die vielen Jahre gemeinsamer Auftritte mit Hermann Prey waren für mich prägend. Von ihm habe ich wahnsinnig viel gelernt: Professionalität, Gewissenhaftigkeit oder das Lebensmotto: Am Abend auf der Bühne spielt man als Musiker um sein Leben.
Wie wurden Sie der Pianist von Hermann Prey?
Endres: Ich muss gestehen, dass ein Schwindel mit im Spiel war. Über einen Bekannten kam ein Vorspiel bei ihm zu Hause zustande. Danach fragte er, ob ich sein gesamtes Repertoire abrufbereit hätte. Ich nickte, obwohl das nicht stimmte. Als er sich für mich entschied, habe ich mich natürlich sofort intensiv ans Werk gemacht.
Am Sonntag 28. Februar (19 Uhr), bietet Michael Endres, der auch sehr viele CDs eingespielt hat, im Fürstensaal der Kemptener Residenz unter anderem Schuberts Vier Impromptus op. 90 (D 899), Schumanns Kreisleriana op. 16 sowie Werke von Frédéric Chopin und Percy Grainger. Restkarten gibt es an der Abendkasse.