Zur Eröffnungsfeier kommen zahlreiche «Freunde des Stadtarchivs», wie Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger die Besucher in seiner Begrüßung nennt. Fast alle Stühle sind besetzt. Stadtarchivar Christoph Engelhard bezeichnet seine Dienststelle als «Gedächtnis der Stadt» und «Forschungsstätte für Wissenschaftler, Schüler und Familienforscher». Anstelle trockener Daten erhalten die historisch interessierten Besucher punktuelle Einblicke in die Memminger Stadtgeschichte.
Eine kleine Ausstellung skizziert den diesjährigen Schwerpunkt: Die Ulmer Vorstadt. Hier wurde 1673 für den wegen Hochverrats bestraften Hecht-Wirt ein eigenes Gefängnis errichtet, weil er die Stadt beim Kaiser in Wien angeschwärzt hatte. Weiter ist zu erfahren, dass im gleichen Areal der Arzt Johann C. Huber lebte, der im 19.
Jahrhundert die Obrigkeit derbleckte, wie man es heutzutage formulieren würde. Im Kriegsjahr 1941 beauftragten die Memminger den Münchner Künstler Ludwig Erberle, das Ulmer Tor zu bemalen. Seine großformatigen, farbigen Entwürfe werden nun erstmals gezeigt. Da sich die Ausführung verzögerte, wurden die Pläne jedoch erst im Jahr 1956 vom Memminger Kunstmaler Erich Marschner vollendet. Seitdem ziert der Einzug König Maximilians I. in die Reichsstadt im Jahr 1489 das Ulmer Tor.
Monarch war mehrfach Hausgast
Der Monarch sei mehrfach Hausgast bei den Grimmels gewesen, in deren Patrizierhaus heute auch das Stadtarchiv untergebracht ist. Er habe wahrscheinlich ansehnliche Gastgeschenke mitgebracht, mutmaßt Stadtführerin Breternitz. Gebührender Respekt wird auch Restauratorin Pia Mayr gezollt, die in ihrer Archiv-Werkstatt demonstriert, wie ein arg zerfledderter Haufen vergilbter 400 Jahre alter handschriftlicher Dokumente wieder zu einem ansehnlichen Folianten verarbeitet wird. «Ich erstarre manchmal vor Ehrfurcht, wenn ich die Sachen in die Hand nehmen darf», gesteht Mayr.
Die Ehrfurcht springt auch auf manchen Zuhörer beim Gang durch das Memminger Stadtarchiv über, das seinesgleichen in Bayerisch-Schwaben sucht. Dort gibt es noch viel zu erforschen, zum Beispiel über die Sozialgeschichte der Stadt. «Quellen ohne Ende», schwärmt Christoph Engelhard und hat auch gleich ein Beispiel zur Hand: 1816 musste die Carolinenschule, eine private Einrichtung für arme Kinder, geschlossen werden, weil die Stadt kein Geld herausrückte, um eine genießbare Suppe zu kochen.