1997 verpflichtete Genesis Wilson als Ersatz für Phil Collins und veröffentlichte mit ihm das Album «Calling All Stations», immerhin die am vierthäufigsten verkaufte Scheibe der legendären Gruppe. Allerdings wurde Wilson bei Genesis nie glücklich. Seine Zeit dort umschrieben beide Parteien wenig später höflich als «großes Missverständnis».
Wo es damals hakte, das deutete der Ausnahmemusiker an, als er vor 120 Besuchern im Konferenzsaal der Stadthalle den Genesis-Hit «Follow You, Follow Me» ankündigte: «Ich hatte den Jungs vorgeschlagen, ein Akustik-Set in das Programm einzubauen. Das hielt ich deswegen für interessant, weil man sich so nicht hinter all dem Bombast verstecken kann und seine wahren Qualitäten als Musiker zeigen muss. Doch sie lehnten eine solche Einlage stets ab »
Einmalige Stimme
Dass sich Ray Wilson nicht mit seiner einmaligen, charismatischen, phrasierungsreichen Stimme hinter Effekthaschereien verstecken muss, unterstrich er nun bereits in den ersten acht Minuten seiner Performance nachdrücklich: nämlich mit «Another Day» und «Lemon Yellow Sun». Auch in der Folge des zweistündigen Programms zeigte der Mann mit der Weltklassestimme und Akustikgitarre, wo er die Prioritäten setzt: bei emotionsgeladenen Gesängen, die unter die Haut gehen und von Geschichten handeln, die jedem Anwesenden selbst hätten passieren können.
Verwunderlich allerdings: «Inside» war genauso tabu wie Songs aus jenem Genesis-Album, an dem Wilson mitwirkte. Stattdessen setzte der Mann mit der Goldkehle (begleitet von Gitarrist Ali Ferguson, Schlagzeuger Ashley MacMillan und Bassist Lawrie MacMillan) auf den vollen Hit-Rundumschlag. Dabei verhalf Wilson mit seinen eigenwilligen Interpretationen der Gassenhauer von Phil Collins («In The Air Tonight»), Peter Gabriel («Salisbury Hill»), Genesis («Suppers Ready», «Shipwrecked», «Not About Us»), Pink Floyd («Wish You Were Here») oder Mike & The Mechanics («Another Cup Of Coffee») diesen Evergreens zu neuen Dimensionen.
Einzig zum Schluss schrammelten Wilson und Co. knapp daran vorbei, sich selbst zur Akustik-Coverband zu degradieren: Mochte das Intonieren von «Knockin On Heavens Door» aus der Feder Bob Dylans noch einen Sinn ergeben, wusste niemand so recht, warum er mit der Bob-Marley-Nummer «No Woman, No Cry» in die Nacht entlassen wurde. Ansonsten: Großes Emotions-Kino!