«Wie sehr die Kinder unter den Alkoholproblemen ihrer Eltern leiden, erlebe ich in meiner täglichen Arbeit am Memminger Landgericht», sagt Brigitte Grenzstein, Vorsitzende Richterin der Großen Strafkammer und der Jugendkammer sowie Vorsitzende des Suchthilfe-Vereins «Fliegenpilz» (siehe Infokasten). Nach ihren Worten entwickeln die betroffenen Kinder oft eigene Suchtprobleme, «die sie dann in die Kriminalität treiben».
Um Mädchen und Buben aus suchtkranken Familien zu helfen, haben der Verein Fliegenpilz und die Psychosoziale Suchtberatungsstelle des Caritasverbands ein einmaliges Projekt durchgeführt, bei dem mehrere Monate lang einmal pro Woche neun Kinder im Alter zwischen neun und 13 Jahren von einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin betreut wurden.
«Die Kinder haben erfahren, dass sie nicht die Einzigen sind, die suchtkranke Mütter oder Väter haben und dass sie an der Lage ihrer Eltern nicht schuld sind», erzählt Diplom-Pädagoge Benno Wassermann, der als Mitarbeiter der Suchtberatungsstelle das Projekt mit betreut hat. Dabei sei es gar nicht einfach gewesen, Eltern zu finden, die ihre Kinder an dem Präventionsprojekt teilnehmen lassen: «Die Hürde ist unglaublich groß. Denn Sucht ist ein sehr schambesetztes Thema», sagt Waltraud Rehm, zweite Vorsitzende des Fliegenpilz-Vereins. Oft merke man das auch bei den Kindern: «Sie haben Angst, offen über Probleme zu sprechen, weil sie es von daheim anders gewöhnt sind.»
Die Not der Kinder von suchtkranken Menschen wird nach den Worten von Diplom-Sozialpädagogin Rehm leicht übersehen: «Für Alkoholkranke gibt es wahnsinnig viele Angebote. Dagegen werden ihre Kinder oft vergessen.»
Während der Projekttage haben die Buben und Mädchen auch einen Notfallplan erarbeitet: «Jetzt wissen sie, was sie tun und an wen sie sich wenden können, wenn ihre Eltern wieder einen Rückfall haben», erklärt Rehm. Und die jungen Teilnehmer gehen gestärkt aus dem zehntägigen Seminar: «Ich kann mit der Situation zu Hause jetzt anders umgehen», erzählt ein Mädchen: «Und ich habe gelernt, dass wir nicht an den Alkoholproblemen unserer Väter und Mütter schuld sind.» Eine Wiederholung des Modell-Projekts ist laut Rehm derzeit nicht möglich - und zwar aus finanziellen Gründen: «8000 Euro hat uns die Sache gekostet. Alles Spendengelder.» (evh)