
Um 21 Uhr hatten sich nach Angaben der Polizei 500, nach inoffiziellen Schätzungen 800 Jugendliche und junge Erwachsene versammelt. Ungefähr zwei Minuten lang war kein Ton zu hören, keine Bewegung zu sehen entsprechend dem Motto „Stehen, damit es weitergeht“.
Andreas Luksch beendete die Schweigeminuten. „Ich bin überwältigt von der Dynamik, die die Leute auf den Stadtplatz geholt hat. Das zeigt das Potenzial der Jugend. Die Politiker dürfen uns nicht vernachlässigen“, rief der Mitorganisator ins Megafon.
Erwartet hatten die drei Organisatoren der Mahnwache – neben Luksch Christian Bradler und Alexander Stiefenhofer – ungefähr 150 Personen. Umso überwältigender war es, dass von den 600 auf der Internetplattform Facebook angemeldeten Teilnehmern 500 tatsächlich erschienen waren. Hauptanliegen war, die schwindende bis nicht vorhandene Kneipenlandschaft in der Kreisstadt wieder zu beleben.
Mehr als nur fehlende Kneipen
So kam auch der 23-jährige Matthias Bönsch, da es für seine Altersgruppe in Marktoberdorf kaum Möglichkeiten zum Ausgehen gebe, seitdem das „AHA“ geschlossen hat. Er fahre deshalb nach Kaufbeuren und Kempten. Die 18-jährige Lisa Barnsteiner hoffte ebenso, dass in Marktoberdorf bald wieder eine Kneipe eröffnet.
Bradler wiederum erklärte: „Marktoberdorf ist keine Stadt von Rentnern, die außer Discountern nichts brauchen. Ich würde gerne die positiven Beispiele in der Marktoberdorfer Kneipenlandschaft erkunden, auf die Bürgermeister Werner Himmer in der Allgäuer Zeitung verwiesen hat.“
Doch die Anliegen ihres Protestes wollten die Teilnehmer nicht auf Kneipen reduzieren: Auch für einen Fußballplatz mit Kunstrasen, das Krankenhaus und die Gewerbeschau, die sich Marktoberdorf seit einigen Jahren mit Kaufbeuren teilt, konnten die Teilnehmer schweigen – jeder wofür oder wogegen er wollte. Ziel war es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und zum Gespräch anzuregen.
Die Stadträtin und Jugendbeauftragte Dr. Andrea Weinhart meinte: „Es ist super, dass so viele da sind. Ziel ist jetzt, einen Wirt zu finden, der eine Kneipe aufmacht.“ Doch wies sie darauf hin, dass es schwierig sei, die Balance zwischen den Anliegen der älteren Bevölkerung und den Jüngeren zu finden. Es müsse sowohl auf das Ruhebedürfnis als auch auf den Weggehwunsch eingegangen werden.
Bei ISEK nicht einbezogen
Sonja Reischl beklagte, dass die Stadt nicht wisse, was 20- bis 35-jährige Singles wollen, da diese Bevölkerungsschicht bei der Erarbeitung des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts (ISEK) kaum eingebunden war. „Ich finde es toll, dass so viele Leute gekommen sind und sich Studenten für Marktoberdorf einsetzen, die ihren Lebensmittelpunkt nicht mehr in Marktoberdorf haben“, meinte sie. Über den weiteren Verlauf des Protests wird rege auf Facebook diskutiert.
Der Termin der Veranstaltung am Abend vor Weihnachten war symbolisch gewählt. Viele Studenten und in der Welt verstreute Marktoberdorfer kamen nach Hause und wollten sich wieder sehen. Mangels jugendgemäßer Gaststätten trafen sie sich am Stadtplatz. Doch schon um 22 Uhr kehrte wieder Stille ein, die Gehsteige wirkten wie hochgeklappt.