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Marktoberdorf (az) | 04.01.2012 00:00 Uhr

Allgäuer Rituale rund um den Jahreswechsel

Böller, Stern und Schmalznudel

Hunderttausende Dokumente schlummern im Marktoberdorfer Stadtarchiv. Hinter jedem steckt ein Stück Ortsgeschichte.

Stadtarchivarin Katharina Maier hat schon viele ans Tageslicht gebracht. Für unsere Serie „Schatzkiste Stadtarchiv“ erinnert sie an Brauchtum rund um den Jahreswechsel. Beschwingte Feierlichkeiten zum Jahreswechsel, ein würdiges Neujahrsfest sowie Bräuche in den ersten Wochen des anstehenden Jahres sind seit vielen Jahrhunderten eingebürgert und mittlerweile nicht mehr wegzudenken.

Doch Brauchtum zum Jahreswechsel bedeutet nicht nur Farbenpracht und Konsumfreude oder eine folkloristische Show für Neugierige. Auch gelebte Sitte gibt es noch, geprägt von Heimat, Kultur und Religion – über Jahrhunderte gewachsen und durch die Generationen weitergeben.

Der Jahreswechsel galt auch schon vor der Festsetzung auf die Silvesternacht als idealer Zeitpunkt für Riten, Orakel oder Räucherungen. Das Schießen von Böllern exakt zum Jahreswechsel ist ebenfalls bereits einige Jahrhunderte belegt.

Sicherlich viel Rauch gab es auch beim Jahreswechsel 1881/1882, von dem der Oberdorfer Landrichter Ludwig Wilhelm Fischer folgendes in seiner Handschrift zu berichten wusste: „Die Bursche (sic!) schießen Ihren Mädchen das neue Jahr an, und das Gekrach und Gepuff beginnt am Sylvester Abend nach eingetretener Dunkelheit und dauert fast bis zum folgenden Morgen. (…) Die Nachtruhe wird dadurch unangenehm gestört.“

Zum Heilig-Dreikönig-Fest am 6. Januar finden sich nicht nur die Könige aus dem Morgenland in all den liebevoll ausgestatteten Krippen am Ort ein, sondern auch vor den Haustüren: der Brauch der Sternsingerei ist im Allgäu schon lange lebendig und wird – in diesen Tagen hörbar – auch in Marktoberdorf gepflegt.

Um Dreikönig ziehen kostümierte Kinder von Haus zu Haus und haben Lieder, Gedichte und Segenssprüche darzubieten. Mittlerweile ist damit auch immer eine Sammlung für wohltätige Zwecke verbunden.

Dieser Brauch ist in Marktoberdorf vor allem der Gesangs- und Musiklehrerin Marianne Amann zu verdanken, welche die Sternsingerei nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch in Marktoberdorf zum Leben erweckte. Nimmermüde stattete Marianne Amann die Kinder sowohl mit Verkleidung als auch der nötigen Gesangskunst aus, um volksnahe Weisen wie „Die Heil’gen Drei König’ mit ihrem Stern, die suchen den Heiland und hätten ihn gern“ zum Besten zu geben.

Höhepunkt des Winters

Der Lichtmesstag war besonders in ländlichen Gegenden ein Höhepunkt der winterlichen Jahreshälfte und der späteste Startschuss für das kommende Jahr, da er traditionsgemäß als Auszahlungstag der bäuerlichen Knechte und Mägde galt. Belegt ist dies hier unter anderem durch alte Auszahlungsurkunden aus dem 16. Jahrhundert. Begleitend zum Salär, welcher zum Beispiel um 1860 für einen Knecht 50 Gulden und für eine Magd 30 Gulden betrug, gab es am 2. Februar zu Mariä Lichtmess auch immer reichlich Schmalzgebäck.

Die Fortbeschäftigung der Dienstleute für das kommende Jahr wurde ebenfalls an diesem Zieltag besiegelt. Wenn dem nicht so war, erklang schon mal ein Abschiedsvers: „Heit isch mei Schlenkelestag und moara pfüat di Gott, dau nimm i nau mei Bündala und trottla halt so flott.“



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