Wenn Karolina Moser mit ihrem Gehwagen bedächtig durch die Flure schreitet, geht bisweilen ein Raunen um im Pflegeheim. Immerhin gehört die Seniorin mit 101 Jahren zu den ältesten Menschen der Stadt. «Und i denk mir dann jedes Mal: Mein Gott, was bisch denn au so alt gworden», sagt Karolina Moser mit dem Anflug eines Lächelns. Zwei Weltkriege hat sie erlebt. Sieben Jahre vor ihrer Geburt war das erste Automobil in Kempten zugelassen worden, elf Jahre vorher der erste Dieselmotor der Welt in der Zündholzfabrik gelaufen. «Ich durfte ein schönes Leben erleben», sagt die gebürtige Weitnauerin - «und ich habe so viele Menschen kennengelernt.»
725 Kemptener leben in Alten- und Pflegeheimen. Seit 1998 gehört Karolina Moser zu ihnen. Sie wohnt im Pflegeheim Margaretha- und Josefinenstift am Adenauerring. Gedächtnistraining, Gymnastik, Besuche in der Cafeteria - die 101-Jährige bemüht sich, fit zu bleiben und zu tun «was eben geht». Und doch: Die Tage können lang werden, wenn man über 100 Jahre auf Erden verbringt. Lesen beispielsweise könne sie nicht mehr, der Augen wegen. Starker Schwindel mache Spaziergänge in der Natur unmöglich.
Fünf Kinder hat die 101-Jährige - das älteste hat die 70 längst überschritten - und viele Enkel und Urenkel. Gerahmte Fotografien erzählen die Familiengeschichte von Karolina Moser. Über dem Bett hängt ein Kruzifix, eine karierte Wolldecke ist säuberlich über einen Stuhl gebreitet. Von der Wand gegenüber lacht ein Clownsgesicht - «das hat mir hier jemand gebastelt» - und gleich daneben ist die rote Schleife mit einer weißen 100 angebracht.
Vom «schönsten Tag in meinem Leben», wie die Seniorin sagt. Weil ihre ganze Familie da war - bis aus Übersee kamen Verwandte - und weil man sich so viel Mühe gemacht habe rund um ihren Jubeltag.
Mehr als ein Jahrhundert Leben, gibt es da noch Wünsche? Ein leises Seufzen, der Blick liegt auf den gefalteten Händen. «Ich habe hier meine Sorgen abgelegt, alles ist Gottes Wille. Aber ja: Es gibt eines, was ich mir noch wünsche.»
Lediglich eine Handvoll Kemptener erlebt wie Karolina Moser ein ganzes Jahrhundert. Von über 65000 Einwohnern sind nur 144 älter als 94. Mit Paul Baier (104) lebt übrigens der älteste Kemptener nur ein paar Flure entfernt von der 101-Jährigen.
Währenddessen blickt Carolina Moser aus dem Fenster ihres Zimmers. Draußen regnet es. Die 101-Jährige erzählt von denen, die bereits vor ihr gegangen sind. So wie ihr Ehemann, der schwer krank war, als er vor 26 Jahren starb. Sie erinnert sich an alte Freunde: «Oh was waren das für Feste. Wie wir haben wir gelacht.» In ihren Augen lauert der Schalk.
«Nein», sagt Karolina Moser dann und wirkt dabei fast heiter: «Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod - ich warte auf ihn.»