Melih Acartürk ist einer jener Menschen mit Behinderung, die das vom Impulse-Bürgerservice Kempten initiierte Projekt «Du + ich = Wir» mit Leben füllen. Seit Herbst 2010 werden Behinderte gefragt, ob sie sich nicht ehrenamtlich engagieren wollen. Mit Erfolg, wie Impulse-Mitarbeiter Klaus Trunzer versichert: «Sie sind leicht zu motivieren. Zudem holen sie sich bei den Tätigkeiten eine Bestätigung und stärken ihr Selbstbewusstsein.» Ein über die regionalen Grenzen hinaus einmaliges Projekt, wie Trunzer sagt.
Besuch an der Basis
Um diese Arbeit entsprechend zu würdigen, gehen Günter Stangl (Behindertenbeauftragter im Oberallgäu) und Bezirks- und Kreisrätin Renate Deniffel als Schirmherren des Projekts an die Basis: So besuchen sie Uli Roder bei seiner Tätigkeit im Kastaniengarten in Altusried, einer Begegnungsstätte für alte und kranke Menschen, wo Roder einkauft, in der Küche hilft oder mit den Leuten plaudert.
Er selbst leidet unter einer psychischen Krankheit. Demnächst werden Stangl und Deniffel auch bei Melih Acartürk und seinem Schüler im Haus International vorbeischauen.
Dort sind sie voll des Lobes über die zusätzliche Hilfe. Seit Oktober letzten Jahres dirigiert Acartürk seinen Rollstuhl jeden Freitag in das Haus International. Silvia Rechsteiner vom dortigen Verein, der unter anderem eine Betreuung für Kinder mit Migrationshintergrund anbietet, schwärmt seither: «Melih ist für uns ein Glücksgriff. Er betreut vorbildlich den Schüler bei den Hausaufgaben und motiviert ihn.»
Acartürks Lebenslauf ist nicht geeignet fürs Bilderbuch. Nach fünf Monaten und drei Wochen kam er in Memmingen auf die Welt. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht jener Teil des Gehirns ausgebildet, der verantwortlich zeichnet für die Umsetzung von Gehen, Sitzen, Stehen. Seit seiner Geburt ist er deshalb auf den Rollstuhl angewiesen. Als er in die Schule kam, wurde er gehänselt. «Weil ich stotterte», erinnert er sich, «und weil ich nicht so gut Deutsch konnte wie die anderen.»
Das ärgerte ihn, und er schwor sich: «Euch werde ich es zeigen.» Melih setzte sich länger als die anderen auf den Hosenboden und lernte. Mit acht Jahren besorgte er sich ein deutsches Wörterbuch, denn zu Hause wurde nur türkisch gesprochen. Der Ehrgeiz lohnte sich. Acartürk hat heute beachtliche Stärken im sprachlichen Bereich.
Seine körperliche Behinderung konnte er nicht rückgängig machen, an seelischen Problemen arbeitet er hingegen intensiv mit Psychologen.
Für den Viertklässler, dem er einmal in der Woche hilft, ist er längst ein guter Freund geworden, sagt Rechsteiner. «Da haben sich zwei gesucht und gefunden.» Was für sie wichtig ist: Der Schüler mache mit Acartürks Hilfe große Fortschritte in der deutschen Sprache. Ein schönes Lob für den 25-Jährigen, der sich wünscht: «Hoffentlich darf ich diese Arbeit noch länger machen. Auch ich könnte mein Leben ohne ehrenamtliche Hilfe nicht meistern. Nun kann ich ein bisschen was zurückgeben.»
Das Projekt Behinderte im Ehrenamt wird vermutlich im Frühjahr 2012 ablaufen. Klaus Trunzer sieht aber keine Probleme, dass Melih Acartürk auch darüber hinaus seinem Schützling hilfreich zur Seite stehen kann.