Eigentlich sollte das Haus längst bewohnt sein. Vor drei jahren hatte sich der Investor das ehrgeizige Ziel gesteckt, in dem vierstöckigen Haus für rund 500000 Euro Sanierungskosten fünf Wohnungen und zwei Büros einzurichten. In bunten Farben wurde ein Bild von einer schmucken Stiftsstadt-Residenz gezeichnet. «Kempten braucht frischen Schwung und neue Ideen auf dem Wohnungsmarkt,» hieß es. Doch es blieb bei dem Versuch. Einzig Dach und Fenster wurden realisiert. Und durch die Scheiben sieht man auf die Baustelle in einem entkerntes Inneren.
Dabei hat das Haus eine lange Geschichte, die in das Fürststift Kempten zurückreicht. Bereits auf dem Stadtstich von 1528 ist das Haus zu erkennen, das einst das Quartier des stiftischen Feldbaumeisters beherbergte. Das Eckhaus gehörte ab 1814 dem Buchhalter Heinrich Schreiber und ab 1847 der Margaretha- und Josefinenstiftung.
Bankhaus und Drogerie
Dann waren noch ein Bankhaus (ab 1855) und eine Drogerie (ab 1928) untergebracht. In den 1980er Jahren waren die Pfadfinder von St. Lorenz und der BBK im Haus. Die Stiftung verkaufte das Haus schließlich 1998 an einen Bauunternehmer. Nach dessen überraschendem Tod fiel es in einen Dornröschenschlaf, ehe die Herrmann-Group aktiv wurde. Deren örtlicher Repräsentant war bis vor wenigen Monaten Andreas Wolf. Doch er weiß auch nicht mehr weiter und klagt: «Durch die Pleite des Sulzberger Architekten fehlten uns rund 100000 Euro für die Subunternehmer. Niemand wollte uns helfen». Schließlich habe Sparkasse Reutte den Hahn zugedreht, so Wolf. Bis zuletzt habe man aber gehofft, geplant und verhandelt. Mit der Stadt sei man sich auch wegen der Fassade und der Farbgestaltung einige gewesen. Für das Objekt sei das Insolvenzverfahren beantragt.
Inzwischen ist ein Zwangsverwalter eingesetzt, der allerdings nicht mehr hat als die Schlüsselgewalt. Er will sich nicht zum Verfahren äußern. Jetzt droht dem Objekt die öffentliche Versteigerung. (li)
Am denkmalgeschützten Eckhaus in der Memminger Straße droht der Putz abzufallen. Jetzt droht die Stadt dem Eigentümer mit «Ersatzvornahme». Foto: Ralf Lienert