Kempten (fe) | 10.04.2009 17:23 Uhr
«Rechte Szene auf dem Rückzug»
Vortrag - Laut Polizei ist die Region Allgäu kein Brennpunkt
Kahlrasierte junge Männer tanzen zu lauter Rockmusik. Immer wieder heben sie die rechte Hand zum Hitlergruß, einige von ihnen breiten eine Hakenkreuzflagge aus. «Deutschland ist die Zukunft der weißen europäischen Rasse», skandiert der Sänger auf Englisch. - Mit diesem schockierenden Video stimmte Karl-Heinz Alber, leitender Kriminaldirektor des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West, die Zuhörer bei einem Vortrag über Rechtsextremismus ein. Organisiert hatte die Veranstaltung die Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG).
«Die NPD steht in der Öffentlichkeit, daneben gibt es aber noch andere Gruppen wie die Skins», erklärte Alber den Soldaten und Zivilisten in der Ari-Kaserne. Die erhöhte Internetpräsenz rechter Organisationen stelle vor allem für junge Leute eine Gefahr dar. Daher sei ein Großteil der rechtsextremen Straftäter auch erst zwischen 17 und 21 Jahre alt. In Kempten, so der Experte, habe es im vergangenen Jahr fünf Gewaltdelikte mit rechtem Hintergrund gegeben. Die Polizei habe jedoch alle aufgeklärt. Neben diesen Taten verzeichneten die Beamten 83 sogenannte Propagandadelikte. Dazu zählten beispielsweise Hakenkreuzschmierereien und der Hitlergruß. Im Allgäu gebe es etwa 130 Personen, die dem rechten Spektrum zuzuordnen seien. Diese würden keine homogene Szene darstellen. Alber: «Es handelt sich oft um Mitläufer und Partygänger.»
Insgesamt, so Alber, sei die rechte Szene in Bayern auf dem Rückzug. Daher sei der Freistaat und speziell die Region Allgäu kein Brennpunkt. «Aber Rechte gibt es», betonte er. Und im Kampf gegen ihr Gedankengut seien alle gefordert - nicht nur die Behörden. Bei der Diskussion wollte ein Geschäftsmann aus Kempten wissen, was er und seine Frau gegen Belästigungen von Rechts tun könnten. Immer wieder würde ihnen ein Unbekannter Zettel mit Hitlerbildern, rechtsextremen Sprüchen sowie antisemitischen Parolen und Zeichnungen zukommen lassen. Auslöser der Taten sei wohl, dass in dem Geschäft Teppiche aus Israel verkauft würden. Die Polizei nahm die Vorfälle jetzt auf.
Ein anderer Zuhörer wollte wissen, wie junge Leute in die rechte Szene gelangen. «Betroffene sind oft in einer Situation, die sie nicht befriedigt», lautete Albers Antwort. Die Rechten würden sie dann mit der Vermittlung von Lehrstellen locken und teilweise die Familie ersetzen. «Darf ein NPD-Mitglied Polizist werden?», wollte ein Soldat wissen. Die NPD sei keine verbotene Organisation, meinte Alber dazu. Polizeibewerber, erklärte er jedoch gegenüber der AZ, müssten sich aber klar zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen.
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