Akten beschlagnahmt
Zweimal fanden bei ihm Hausdurchsuchungen statt, so der Mediziner weiter. Kistenweise seien Patientenakten beschlagnahmt worden. Ermittelt werde wegen vorsätzlicher unerlaubter Verschreibung von Betäubungsmitteln – juristisch befänden sich die Mediziner ständig auf einer Gratwanderung. Und so würden immer mehr Substitutionsärzte aufgeben. Die ihm zufolge drohenden Folgen: Mehr Drogenkriminalität.
Das ist die eine Seite.
Zur anderen Seite gehört Katrin Eger. Die Sprecherin der Kemptener Staatsanwaltschaft bestätigt, dass Verfahren gegen die beiden Substitutionsärzte laufen. Im Zuge von Ermittlungen in der Drogenszene sei man auf die Mediziner aus Kempten und Kaufbeuren aufmerksam geworden. Parallelen gebe es – aber keine direkte Verbindung.
Während gegen den Kemptener noch ermittelt werde, sei gegen den Kaufbeurer Arzt Anklage erhoben – wegen 458 Fällen der vorsätzlichen unerlaubten Abgabe von Betäubungsmitteln und 783 Fällen der vorsätzlichen unerlaubten Verschreibung von Betäubungsmitteln. Der Fall werde vor dem Kaufbeurer Amtsgericht verhandelt, dem Arzt drohten Geld- oder Freiheitsstrafe sowie ein Berufsverbot. In beiden Fällen hätten die Mediziner „zu viel verschrieben und zu wenig kontrolliert“. Da könne man nicht wegsehen.
Denn Drogenersatz wie Methadon ist nicht ungefährlich. 2005 starb in Kaufbeuren ein 21-Jähriger an einer Überdosis Ersatzstoff, die er sich gespritzt hatte. 2003 kam im Ostallgäu eine 14-Jährige ums Leben, die von ihrem Freund Methadon verabreicht bekommen hatte.
Bei den aktuellen Ermittlungen, so Eger, seien ebenfalls Ersatzstoffe weitergereicht worden – beziehungsweise habe es Patienten gegeben, die zusätzlich Drogen konsumierten. In solchen Fällen müsse der Arzt die Behandlung stoppen.
Die andere Seite dagegen spricht von einem Dilemma. „Ist das Methadon zu niedrig dosiert, nehmen die Patienten zusätzlich Heroin“, sagt ein weiterer Kemptener Arzt. Statt aber die Dosis dann hochzusetzen, müsste der Mediziner die Behandlung auf der Stelle abbrechen. „Schuld ist das Betäubungsmittelgesetz“, meint der Mediziner. Er hat ausgerechnet, dass in und um Kempten wöchentlich für 30 000 Euro Drogenersatzstoffe abgegeben würden. Hörten die Substitutionsärzte auf, werde die Beschaffungskriminalität nach oben schnellen, um das auszugleichen.
„Unverzichtbarer Baustein“
Von einem „unverhältnismäßigen Vorgehen“ gegen Substitutionsärzte spricht Peter Ziegler. Der Leiter des „Talk Inn“, des Caritas-Kontaktladens für Drogenabhängige in der Kemptener Brennergasse, hat seit Jahren Erfahrung mit Süchtigen. „Substitution ist ein unverzichtbarer Baustein in der Behandlung“, sagt er. Zumal Ärzte ohnehin „einigen Idealismus“ bräuchten, um sich in diesem Bereich zu engagieren. Zu diesem Schluss kommt auch das Bayerische Ärzteblatt. Auf dem Land gebe es „eine gravierende Unterversorgung“ mit Substitutionsärzten. Eine gewisse Bedeutung von Drogenersatz-Programmen bestätigt auch die Kaufbeurer Kripo.
Allerdings beobachte die Polizei bei Methadonsubstituierten häufig auch den bereits angesprochenen Beigebrauch von illegalen Drogen, so Christian Abenthum, stellvertretender Leiter der Kaufbeurer Kriminalpolizei. (sh/az)