() | 13.03.2006 20:30 Uhr
Mit dem „Klostertaler“ das Helle oder die Semmeln bezahlen
Vortrag über Regionalwährung - Markt Irsee zeigt Interesse
Leinau/Irsee (fro). - 1932 litt Europa unter den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Da überzeugte der Bürgermeister der Gemeinde Wörgl in Tirol den Gemeinderat, eine Regionalwährung einzuführen. Mit dem „Freigeld“ stiegen Einnahmen und Auftragsvergabe der Gemeinde und es sank die Arbeitslosenzahl. Rund 100 Gemeinden wollten dem Beispiel folgen, aber die österreichische Nationalbank beharrte auf ihrem Monopol und setzte nach 13,5 Monaten die Abschaffung des Freigeldes durch. Auf das historische Vorbild wies Rolf Merten, Vorstand des Vereins Regional Oberland, in seinem Vortrag über Regionalwährung im Kloster Leinau hin. Die Globalisierung des Finanzsystems, so Merten, führe zu mehr Ungerechtigkeit: 80 Prozent der Menschen zahlten mehr Zinsen als sie einnähmen, ein paar hundert Milliardäre besäßen mehr Kapital als die Hälfte der Menschheit und fast 90 Prozent des umlaufenden Geldes sei spekulativ. „Das Finanzsystem ist undemokratisch, undurchschaubar und entfremdet den Menschen von seiner Heimat“, erklärte Merten. Dagegen empfahl er Regionalwährungen: Diese stärkten die Verbindung zwischen Verbraucher und Produzent sowie die regionale Wirtschaft, sie reduzierten Transportwege, schafften Arbeitsplätze und belebten die Infrastruktur. Zudem seien Regionalwährungen demokratisch, transparent und stärkten die Identifizierung der Bürger mit ihrer Heimat. Das Prinzip dieser Zweitwährung sei relativ einfach: Ein „Regio“ des Vereins Oberland zum Beispiel kostet einen Euro. Mit dem Regio könnten Waren, Dienstleistungen oder Arbeitskraft gekauft werden. Und zwar bei allen Geschäften, Betrieben, Händlern oder Kommunen, die sich in der Region an dem Regio beteiligen. Diese könnten auch untereinander mit dieser Währung bezahlen. Um den Handel anzutreiben, verliere der Regio jedes Quartal drei Prozent Kaufkraft, die in Form von Klebemarken wieder eingekauft werden müssten. Zwar könne der Regio wieder gegen den weiterhin gültigen Euro umgetauscht werden, aber nur gegen eine Gebühr von fünf Prozent. Das soll Geschäftemacherei mit der Regionalwährung verhindern, erläuterte Merten. Er selbst lebe weit gehend vom Regio.
Bank mit im Boot Mittlerweile gibt es 14 Regionalwährungen in deutschen Gemeinden und über 50 überlegten sich, sie einzuführen, so Merten. Im bayerischen Oberland gibt es zum Beispiel den „Chiemgauer“, in der Holledau den „Hallertauer“ und im Berchtesgadener Land den „Sterntaler“. Im Landkreis Wolfratshausen-Bad Tölz „haben wir die Raiffeisenbank im Boot“, so Merten. Bei dieser werde das Geld eingetauscht und der hinterlegte Euro zinslos gespart. Inzwischen hätten alle Parteien und viele Kirchengemeinden in der Region Interesse an der Währung. Mit dem Gewinn oder der Rücktauschgebühr könne der Verein zinslose Darlehen vergeben und so regional die Entschuldung vorantreiben sowie die Bindung an die Region stärken. Im Chiemgau seien schon erste Minijobs geschaffen worden. Während der anschließenden Diskussion mit den Zuhörern kündigte Pater Klaus Schlapps, Gastgeber und Leiter des Klosters Leinau, an, dass er eine Regionalwährung im Ostallgäu auf den Weg bringen möchte. Erster Ansprechpartner könnte die Gemeinde Irsee sein: Bürgermeister Andreas Lieb und einige Gemeinderäte zeigten sich von der Idee angetan. „Wir werden demnächst darüber diskutieren“, sagte Lieb. Ein möglicher „Klostertaler“ wäre die erste Regionalwährung im Ostallgäu.
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