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Oberstaufen | Von Veronika Krull | 29.07.2010 08:50 Uhr

Wie klassische Musik kranken Menschen hilft

Jubiläum - In der Oberstaufner Schlossbergklinik findet am Samstag das 500. Benefizkonzert zugunsten des Fördervereins für die Patienten statt

War es 85 oder doch schon 84? Iris Schmid kann sich gar nicht mehr so recht erinnern. Dabei hatte die 41-jährige Konzertpianistin und Grundschullehrerin vor etwa einem Vierteljahrhundert gemeinsam mit Bruder Peter und Freundin Julia eine wichtige Tradition eingeläutet: Das Trio absolvierte das erste Konzert in der Schlossbergklinik in Oberstaufen. Am kommenden Samstag wird Iris Schmid wieder in der Klinik spielen und mit drei weiteren Musikern das 500. Konzert gestalten.

«Rufen Sie doch einfach meinen Vater an», hatte die erfolgreiche Pianistin vorgeschlagen, als sie über die Anfänge rätselte. Prof. Dr. Ludwig Schmid (72), ehemaliger Ärztlicher Direktor der Klinik, kann sich in der Tat noch gut erinnern. «Das war Weihnachten 1983», sagt er. Die Kinder hätten nachmittags beim Kaffee spontan gemeint, sie könnten doch auch mal für die Patienten singen. «Sie sind am nächsten Tag aufgetreten», sagt Schmid, «als Sternsinger». Damals war Iris 15, der Bruder, der im Tölzer Knabenchor sang, vier Jahre jünger. «Das war so ein großer Erfolg», sagt Schmid. Und der Auftakt zu einer viel beachteten Konzertreihe mit Künstlern aus ganz Mitteleuropa.

Die Freude der Zuhörer

 

Iris Schmid, die in den folgenden Jahrzehnten rund 50 Mal Konzerte in der Schlossbergklinik - wie alle Künstler unentgeltlich - mitgestaltet hat: «Was immer schön war: Wir haben die Freude der Zuhörer gemerkt. Da kommt was zurück.» Sie erinnert sich gern an einen Patienten, der sich immer gesträubt hatte, klassische Konzerte zu besuchen, weil die langweilig seien. Dieser Mann habe ihr nach ihrem Auftritt erklärt, dass klassische Musik ja ganz toll sei.

Schmid hat es auch immer gefallen, «einfach schöne Musik» zu machen. Sie musste sich nicht - wie in der Ausbildung - beweisen, «es gab niemand, der die Fehler zählt». Was freilich nicht heißen solle, dass sie nicht bei all ihren Auftritten in Oberstaufen das Beste gebe.

Wie sehr hat sie bei der Programmauswahl ihr besonderes Konzertpublikum im Auge? Bei Liederabenden, so Schmid, bei denen die Texte im Vordergrund stehen, achte sie schon auf die Aussagen. Sie habe aber auch einmal die Winterreise gespielt, deren Texte «nicht so aufmunternd» seien. Aber das sei trotzdem gut angekommen, weil die Patienten das Gefühl hatten, jetzt auch mal weinen zu dürfen. Wenn es einem nicht gut gehe, helfe es manchmal mehr, eine Musik zu hören, die diese schlechte Stimmung widerspiegle, ist die Musikerin überzeugt.

Die psychische Beeinflussung

Die Bedeutung der Musik für den Patienten und auch seinen Krankheitsverlauf kann Dr. Manfred Strätz nur bestätigen. Der 68-jährige Mediziner, der bis zu seinem Ruhestand Chefarzt und Leiter der Rehabilitation in der Schlossbergklinik war, engagiert sich seit Jahren für die Konzertreihe. Bis heute kümmert er sich um die Organisation der rund 30 Veranstaltungen im Jahr. Die Musik, die den Kranken dank des Fördervereins auch über eine Audiothek und CD-Abspielgeräte auf jedem Zimmer zur Verfügung steht, bedeute eine gewisse Ablenkung und auch eine gewisse psychische Beeinflussung. In vielen Fällen könne die Schmerzmedikation zurückgefahren werden.

Prof. Dr. Thomas Licht (54), Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung «medizinische Onkologie», wird noch deutlicher. «Aus meiner Sicht haben Menschen mit Krebserkrankungen zwei ganz entscheidende Bedürfnisse: Sie brauchen eine optimale moderne Krebstherapie, doch genauso wichtig ist eine optimale psychosoziale Betreuung.» Die Rolle der Musik dürfe «überhaupt nicht unterschätzt» werden. Zu einer ganzheitlichen Krebsbehandlung gehöre die Musiktherapie ebenso wie die Kunsttherapie, die Psychologie, die Psychotherapie und die Ergotherapie.



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