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Fischen (Christian Steinmüller) | 12.10.2010 12:40 Uhr

Im Schatten von Dachau

Gernot Römer, Autor und ehemaliger Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, spricht über die Nazi-Vergangenheit im Oberallgäu und hält heute einen Vortrag in Fischen

Das Konzentrationslager in Dachau hat gegen Ende des zweiten Weltkrieges einen weiten Schatten geworfen. Es entstanden Außenstellen. Mit Bad Oberdorf, Blaichach und Fischen unter anderem auch im Oberallgäu. Die Gemeinde Fischen wird am heutigen Donnerstag in Langenwang eine Gedenkstele enthüllen.

KZ-Gedenkstätte Dachau - Historischer Eingang

Die Stele soll im räumlichen Bezug zum damaligen Lager an die nationalsozialistische Vergangenheit vor Ort erinnern und mahnen. Am Abend wird Gernot Römer einen Vortrag über die KZ-Lager im Oberallgäu halten. Der ehemalige Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen und mehrfache Buchautor hat sich fundiert mit Dachaus Schatten auseinandergesetzt. Seit den 70er Jahren arbeitet er die Nazi-Vergangenheit in Schwaben intensiv auf. Wir haben vorab mit ihm gesprochen. Herr Römer, Sie haben sich intensiv mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Schwaben beschäftigt. Haben recherchiert und gegen das Vergessen publiziert. Was ist Ihre Motivation?

Römer: Als Kind habe ich in Wuppertal die Synagoge brennen sehen. Das Bild habe ich heute noch vor Augen. Meine Motivation ist ausgehend vom jüdischen Schicksal. Von meinem jüdischen Kinderarzt, der auf einmal nicht mehr da war, und den Fragen, die offen blieben. Anfang der 70er fragte ich den Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Augsburg, was hier geschehen war. Er wusste es nicht. Ich musste es selbst ergründen. Und dadurch kam ich auch auf die vielen Außenstellen des Dachauer KZs.

Geschuftet für die Industrie

Was waren die Gründe dafür, solche Außenstellen zu errichten?

Römer: Die Industrie. Der Jagdflugzeughersteller Messserschmitt in Augsburg war das Ziel alliierter Luftangriffe und im Dezentralisieren der Produktionsstätten sahen die Nazis wohl die einzige Chance, nicht von den Alliierten entdeckt zu werden.

Wie waren die Lager im Vergleich zur Hauptstelle in Dachau?

Römer: Verglichen mit den Höllen im Raum Kaufering/Landsberg waren die Oberallgäuer Lager halbwegs ertragbar. Oder denken Sie an Riederloh 2 bei Kaufbeuren, wo über 400 Häftlinge umkamen. Man muss auch bedenken, dass dort keine SS war. Es waren Leute mit Kriegsverletzungen, die aus Lazaretten kamen oder Piloten, die kein Flugzeug hatten und eben anderweitig eingesetzt wurden.

Wurden in Oberallgäuer Lagern Menschen getötet?

Römer: Es gab keine Tötungsverbrechen. Zumindest nicht direkt. Ich weiß von zwei Österreichern, die einer Widerstandsbewegung angehörten und ins Lager in Fischen eingeschleust wurden. Sie flogen auf und wurden dann im KZ Dachau hingerichtet. Warum sie ins Fischinger Lager wollten, ist unklar.

Dennoch sind einige KZ-Häftlinge im Oberallgäu gestorben. Woran?

Römer: An den Bedingungen im Lager. Die Ernährung war sehr schlecht. Die Menschen mussten zwölf Stunden arbeiten, schlafen und wieder zwölf Stunden arbeiten. Das war kein Zuckerschlecken - auch wenn es nicht mit Dachau zu vergleichen war.

Manchmal verdrängt

Nun wird in Fischen eine Gedenkstele errichtet. Wie wird heutzutage eignetlich generell in Gemeinden mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umgegangen?

Römer: In den kleineren Gemeinden wird sie manchmal vergessen oder verdrängt. An Orten mit größeren Lagern, etwa Landsberg, wird die Erinnerung ziemlich systematisch aufrecht erhalten. Dass die Fischinger eine Stele zur Erinnerung aufstellen, finde ich positiv.

Information: Gernot Römer hält heute Abend, 14. Oktober, einen Vortrag («Von Menschen, die litten und Menschen, die halfen») im evangelischen Gemeindehaus in Fischen. Römer geht auch auf die Vergangenheit im Oberallgäu ein. Beginn ist um 20 Uhr.



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