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Oberallgäu (az) (az) | 22.01.2010 00:00 Uhr

«Besonders die Begabten klagen»

G8 - Stehen Schüler in der neuen Oberstufe des achtjährigen Gymnasiums zu stark unter Druck? Oder ist das alles halb so schlimm? Jugendliche, Eltern, Schulleiter und Lehrer berichten

l uw, kep, mic, rio, elm l «Das Leben dreht sich nur noch um die Schule.» Petra Deil, Elternbeiratsvorsitzende am Gymnasium Sonthofen, schüttelt den Kopf über die Belastung der Schüler in der neuen Oberstufe.
«Besonders die Begabten klagen» Für Freizeit, Freunde und Engagement bleibe den Jugendlichen kaum noch Zeit. Auch Ann-Christin Kieper, Schülersprecherin am Gymnasium Oberstdorf, selbst in der 11. Klasse, sagt: «So viel lernen, wie verlangt wird, ist bei dem vielen Unterricht kaum möglich.» Zur bayernweit umstrittenen neuen Oberstufe (wir berichteten) hat sich die Redaktion bei Schülern, Eltern, Lehrern und Schulleitern im Oberallgäu umgehört.

«Im Vergleich zur zehnten Klasse ist die Belastung natürlich schon mehr geworden», sagt auch Lisa Riedel (16), die die elfte Klasse in Immenstadt besucht. An drei Nachmittagen hat sie in diesem Schuljahr Unterricht. «Aber nächstes Jahr wird die Anzahl meiner Wochenstunden deutlich zurückgehen», erklärt die Schülerin aus Diepolz. Teilweise könne sie Freistunden am Vormittag gut nutzen, um sich auf Klausuren vorzubereiten. Benita Sommer (16) bemerkt, dass ihre Noten schlechter geworden seien und weiß auch von anderen, die darüber beklagen. Trotz der hohen Belastung können sie aber nach wie vor zweimal die Woche die Musikschule besuchen und einen Yoga-Kurs machen. Das G8 sei grundsätzlich «kein Fehler».

Von «massiven Problemen an anderen Schulen», hat der Immenstädter Elternbeiratsvorsitzende Thomas Dietmann gehört: «Aber unsere Schulleitung ist sehr bemüht, die Stundenpläne so kompakt wie möglich zu gestalten.» Auch Schulleiter Michael Renner hat «keine größeren Klagen» an seiner Schule vernommen. «Ich weiß aber, dass die Belastung für Schüler des G8 an vielen Schulen ein Riesenthema ist», räumt er ein. Über die Probleme werde demnächst ein Gespräch von Schulleitern mit Vertretern des Ministeriums in Kempten geführt. Die Landeselternvertretung habe eine Umfrage gestartet. «Das Ergebnis würde ich gerne abwarten», sagt Renner. Vielem könne man durch bessere Koordination begegnen.

«Einige klagen sehr über die Belastung in der 11. Klasse, andere findens nicht so schlimm», sagt Oberstudiendirektor Hubert Thiele vom Sonthofer Gymnasium. Dort habe man überlegt, wie man Schüler entlasten könne - etwa bei mündlichen Leistungsnachweisen. Auffällig sei, dass besonders die Begabten klagen. Der Grund ist für den Oberstufenkoordinator Franz Graßl, selbst Vater einer Elfklässlerin, klar: Die Schüler stehen in Konkurrenz zu heutigen Zwölftklässlern, die im gleichen Jahr Abi machen. «Für den Studienplatz kann ein Zehntel bei den Noten entscheiden.» Thiele hält eine grundlegende Bildungsreform für nötig - «und nicht nur etwas Flickarbeit». Das hohe Niveau in Bayern müsse man halten - «aber eben nicht auf dem Rücken der Kinder», sagt Thiele.

Schülersprecher Johannes Gerlitz (17) sieht vor allem zwei Belastungen für Elftklässler: die knappe Zeit, viel Nachmittagsunterricht und zerfranste Stundenpläne - und den Inhalt: Lehrer, Eltern und Schüler seien unsicher, welche Themen und Stoffe wirklich wichtig sind. Man sollte gründlich über die Lehrpläne gehen und schauen, was sich streichen lässt, schlägt der 17-Jährige vor. Elternbeiratsvorsitzende Deil fasst «viele Rückmeldungen von Eltern» zusammen: Die Schüler litten unter Zeitdruck und Stofffülle und der Tatsache, dass ihnen schlichtweg ein Jahr Entwicklung fehle. «Wir bräuchten mehr Zeit für Projekte, Persönlichkeitsentwicklung und Wertevermittlung», sagt Deil. Dafür müsse man Stoff reduzieren.

«Natürlich bedeutet die Q11 für die Schüler eine Mehrbelastung», räumt auch Ludwig Haslbeck, Schulleiter des Gertrud-von-le-Fort-Gymnasiums in Oberstdorf. Man könne ja nicht die Schulzeit um ein Jahr reduzieren und erwarten, dass die Belastung gleich bleibe. Sie halte sich aber «im Rahmen». Man versuche man die Schüler zu entlasten - etwa durch Kompromisse bei den Hausaufgaben. Spezielle Regelungen müssten für Leistungssportler her - ein entsprechendes Konzept liege beim Kultusministerium. Laut Oberstufenkoordinator Jürgen Brandl hätten die Schüler drei bis vier Stunden mehr Unterricht - trotzdem gebe es kaum Klagen. Er glaubt nicht, dass die Notenbilder schlechter werden, weil die mündlichen Leistungen aufgewertet wurden. Mehr Unterricht verursachten auch Seminare, die es so bisher nicht gab - und in denen «große Chancen» lägen.

Wissenschaftliches Arbeiten werde da trainiert und die Berufsorientierung gefördert.

Daniel Stitz, Lehrer für Deutsch und Geografie in Oberstdorf hat auf die Mehrbelastung bereits reagiert: Im Nebenfach gibt er bewusst keine Hausaufgaben mehr. «In den Hauptfächern müssen alle Abitur machen, in Geografie nicht. Deshalb sollten sie sich auf die Hauptfächer konzentrieren.» Schülersprecherin Ann-Christin Kieper ist froh, ihr Abitur früher in der Tasche zu haben. Aber sie bedauert, dass gerade das Grundwissen oft auf der Strecke bleibe.



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