Unterwegs mit unzähligen Koffern, die Gesichter schwarz vom Ruß der Dampflok. Von Marsala im Westen Siziliens bis nach Füssen sind es fast 2000 Kilometer. Im Rahmen der Landesausstellung «Bayern-Italien» will die AZ diesmal das Eintreffen der ersten Italiener in Füssen beleuchten.
Uralte Möbel und Matratzen
Rita war 30 Jahre alt und ihrer Cousine gefolgt, die damals bereits in Füssen lebte. «Worauf ich mich einlasse, habe ich nicht gewusst», bekennt sie. Sie hoffte nur, dass in Deutschland alles besser sei als zu Hause. «Gewohnt haben wir zwischen uralten Möbeln, geschlafen auf alten Matratzen. Die Toilette war im Treppenhaus. Und wir hatten kaum Geld», erinnert sich die heute 71-Jährige an die ersten Jahre in Füssen. Die Verständigung mit den Allgäuern war anfangs mangels Deutsch-Kenntnissen schwierig. Wenn auch das Miteinander inzwischen gut funktioniert - eine gewisse Distanz zu den Füssenern sei bis heute geblieben, berichtet Rita.
In der Hanfwerkesiedlung hatte die Familie eine Wohnung bekommen, nachdem Giuseppe in der «Fabrik» (Hanfwerke) Arbeit fand. Die beiden Töchter Antonia (heute 41) und Paola (34) wurden geboren, und Rita gab nach fünf Jahren ihre Arbeit in den Hanfwerken auf. Sie fand eine Stelle im Krankenhaus Füssen, wo sie 18 Jahre lang arbeitete. Für die Kinder war es ein Leben «in der Kolonie», erinnert sich Paola. «Es waren damals so viele Italiener bei den Hanfwerken beschäftigt, und zu Hause war immer jemand, der auf uns aufpasste.»
«Es war damals eine harte Zeit für meine Eltern, denn sie waren nur Hilfsarbeiter, bekamen wenig Lohn und konnten oft nur mit dem Vorschuss ihre Miete zahlen», erinnert sich Antonia, die wie ihre Schwester mit einem Italiener verheiratet ist. «Nein, nicht aus Füssen. Wir haben unsere Männer in den Ferien zu Hause kennengelernt.»
Die spontane Herzlichkeit der Südländer wird spürbar, wenn die fünf Enkel ihre «Nonna» (Rita) liebevoll abbusseln. Sie sind zu 100 Prozent angekommen in Deutschland, können sich nicht vorstellen, zurückzukehren nach Italien. «Wir haben hier unsere Freunde, machen unsere Ausbildung. Auf Sizilien hätten wir keine Chancen», so Rosario.
Wie schwierig es ist, in Italien wieder Fuß fassen, hat der 45-Jährige selbst erlebt. Er ging vor vier Jahren mit der Familie zurück in die alte Heimat und erlebte ein Desaster. Nun will er endgültig in Füssen bleiben. «Wenn wir uns beschweren, wie schwer es ist, eine Existenz aufzubauen, sagt Mama: Denk dran, was wir geleistet haben.»
Familie ist das Wichtigste
Die Familie ist für die Riggios, Roccafortes und Ruzanzeris - so wie für die 140 anderen Italiener in Füssen - das Wichtigste. «Wir sind nur komplett, wenn wir uns jeden Tag sehen und die Nonna besuchen.» Ritas Mann ist 2002 gestorben, dennoch ist sie nicht alleine. Denn ihre Kinder wohnen alle in ihrer Nähe. Aber Rita hält es nicht aus zu Hause. «Sie muss immer noch jeden Tag raus unter die Leute.» Seit 20 Jahren arbeitet sie stundenweise in der «Krone». «Das braucht sie einfach», lacht Paola und putzt den Hausgang. «Denn das soll die Mama nicht mehr machen müssen». (sr)