Der Komponist und Gitarrist Hans-Jürgen Gerung, der sich auch intensiv mit Musik für Laute beschäftigt, hatte letztere in den Mittelpunkt seiner diesjährigen Oberstdorfer Veranstaltungsreihe gestellt und diese erstmals auf Füssen ausgedehnt. Vor fünf Jahren hatte der in Kranzegg bei Rettenberg lebende Künstler, der an der Musikschule in Oberstdorf unterrichtet, das Forum für Neue Musik begründet, um Berührungsängste vor zeitgenössischen Werken abzubauen. Diesmal hatte er dafür den aus Bagdad stammenden und heute in Aachen lebenden Komponisten und Lautenisten Raed Khoshaba eingeladen. Ein Glücksgriff, wie das Konzert im Colloquium des Barockklosters St. Mang in Füssen bewies.
Dort entpuppte sich der 43-jährige Iraker nicht nur als Virtuose auf der arabischen Kurzhalslaute, der Oud, sondern auch als Komponist, dessen Werke tatsächlich jene «Faszination Orient» vermitteln, die der Veranstaltungsreihe heuer ihr Motto gab.
Schon im Eröffnungsstück «Meditations» entfaltet Khoshaba auf der Oud eine Welt voll hochverfeinerter Reize, wie sie die westeuropäische Kultur kaum kennt. Sie scheinen dabei allerdings weniger einer modernen Musiksprache zu entspringen - obwohl Khoshaba auf der Laute neue Spieltechniken entwickelt haben soll -, als vielmehr der traditionellen Kultur Arabiens.
Wie hochstehend diese einst war und Europa beeinflusste, lässt sich nicht nur an maurischen Bauten in Andalusien ablesen. Auch die Laute der Araber fand über Sizilien und Spanien rasch in Europa Verbreitung, weiß Hans-Jürgen Gerung. Die Ausstrahlung dieses Instruments auf europäische Meister verdeutlicht der 51-Jährige im Konzertprogramm, das er mit Khoshaba abwechselnd gestaltet. Er konzentrierte sich dabei auf zwei Punkte: Die unmittelbare Inspiration durch die fremde Kultur in der spanischen Renaissancemusik, wie sie sich in Lauten-Sätzen von Miguel de Fuenllana (um 1500 - 1579) nach Messe-Kompositionen von Christóbal de Morales (um 1500 - 1553) äußert, und er deutet zum anderen den Nachklang dieser Tradition in Werken des 20. Jahrhunderts an, für die Benjamin Brittens «Nocturnal after John Dowland» für Gitarre (op. 70) als prominentes Beispiel dient.
Aber auch die westeuropäische Musik hat die ein oder andere Spur in Khoshabas Kompositionen hinterlassen. So beendete ein freies Improvisieren beider Künstler in vollendeter Harmonie ein Konzert, das vor überraschend vielen Zuhörern vom befruchtenden Austausch zweier Kulturen erzählte. Es wurde tags darauf in Oberstdorf wiederholt.